Frank Adloff: Wirkliches und Mögliches in der Klimakrise
Fangen wir beim Ende des Buches an!!!
Denn wer der Argumentation des Buches bis zum Ende aufmerksam gefolgt ist, wird am Ende mit folgender Erkenntnis belohnt: Auch wenn wir das Überschreiten der planetaren Grenzen nicht verhindern können (so viel ist gewiss), kommt es darauf an, in Würde zu scheitern. Was bedeutet: Es kommt darauf an, JETZT das Richtige zu tun. Denn das schulden wir nicht nur der Natur, sondern auch unserer Selbstachtung. Denn, so Frank Adloff: „Ohne Würde zu scheitern, wäre noch deprimierender und grausamer, wenn auch dafür eine nicht geringe Möglichkeit besteht. Aber es ist auch möglich, den ökologischen Katastrophen angemessen entgegenzutreten: in Würde, gerecht und mit vergrößerten gesellschaftlichen Problemlösungskapazitäten.“ (S. 209)
Doch was bedeutet das konkret?
Frank Adloff: „Konviviale Freiheit … fordert Institutionen, die nicht-menschliche Wesen repräsentieren, Wirtschaftsformen, die auf Reziprozität statt Ausbeutung basieren, und eine Demokratie, die ihre Entscheidungen an Maßstäben der Inklusion und Verwundbarkeit misst. Nur so lässt sich verhindern, dass Freiheit weiterhin als Recht auf rücksichtslose Aneignung missverstanden wird. In einer Welt radikaler Verflechtung wird damit die Vermeidung von Grausamkeit zur ersten politischen Pflicht und der Schutz der Würde aller Verletzbaren zum ethischen Maßstab.“
Prof. Dr. Frank Adloff ist Soziologe, Sprecher und Co-Leiter der Kolleg-Forschungsgruppe „Zukünfte der Nachhaltigkeit“ und einer der renommiertesten Befürworter der Rechte der Natur. Ein Forschungsbereich, der jährlich über den Stand der Klimawende informiert und darüber, ob wir Bürgerinnen und Bürger Deutschlands auf einem guten Weg sind, die von Politik und Gesellschaft formulierten Klimaziele zu erreichen.
Radikale Bestandsaufnahme
Das Buch beginnt einleitend mit einer radikal ehrlichen Bestandsaufnahme des Status quo. Mit Aussagen wie: „… aber in Wirklichkeit steuern wir derzeit auf eine Welt der Klimabarbarei zu, in der der Globale Norden eine exkludierende, regressive und grausame Anpassung an den Klimawandel betreibt.“ (S. 9)
„Daher ist dieser Text auch als Versuch zu verstehen, Rechenschaft darüber abzulegen, was die Sozialwissenschaften im Anthropozän auf welche Weise dazu beitragen können, den ökologischen Verheerungen und Katastrophen zu begegnen. Die Prämisse lautet: Gesellschaften können nur dann widerstandsfähiger, gerechter und konvivialer werden, wenn sie sich auf die Ungewissheiten der Zukunft vorbereiten, planetare Grenzen respektieren und eine Kultur der Verantwortung entwickeln. Wir benötigen längerfristige Perspektiven, um der apokalyptischen Klaustrophobie der Klimakatastrophe zu entkommen und einen Möglichkeitsraum für die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte zu skizzieren. Hierzu sollten aus meiner Sicht auch die Sozialwissenschaften ihren Beitrag leisten.“ (S. 11)
Kritik: Sozialwissenschaften haben bisher Natur als Konstante behandelt – Wissenschaft kann und darf nicht neutral sein
Das Buch und sein Autor sind in der Sache nicht neutral und wollen es auch explizit nicht sein. Frank Adloff liefert dafür mehrfach Begründungen. Denn die Soziologie steht im Anthropozän vor völlig neuen, existenziellen Herausforderungen. Die Sozialwissenschaften, so Adloffs unverblümte Kritik, vergaßen bisher den Naturraum als gesellschaftliche Voraussetzung und geben sich der Illusion hin, die Mensch-Natur-Beziehung sei eine Art Konstante. Dabei weisen die physikalischen und biologischen Realitäten auf den Übergang in unbekannte, instabile soziale und ökologische Zustände hin.
Nichtmenschliche Akteure einbeziehen
Frank Adloff begnügt sich nicht damit, Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler aufzufordern, ihren normativen Standpunkt offen zu legen und selbst Stellung zu beziehen, er fordert die Sozialwissenschaften als Ganzes auf, den Kreis der Akteure und Betroffenen um die nichtmenschliche Dimension zu erweitern:
„Ein zentrales Konzept für eine solche erneuerte Soziologie ist das der »Interdependenz«. Dabei sind nicht nur menschliche Interaktionen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit entscheidend, sondern auch die Wechselbeziehungen mit nicht-menschlichen Akteuren (Tieren, Objekten, Ökosystemen) müssen berücksichtigt werden, besonders heute im Zeitalter des Anthropozäns. Damit verbinde ich die Forderung nach einem radikalen Perspektivwechsel: weg von substanzontologischen Ansätzen, hin zu einer relationalen Denkweise (Emirbayer 1997), die über menschliche Akteure hinausgeht, Kontingenz anerkennt und wissenschaftliche Erklärungen pluralistisch konzipiert.“ (S. 170)
„Die Sozialwissenschaften benötigen aus meiner Sicht deshalb eine grundlegende ontologische Neuausrichtung, welche die traditionelle Trennung von Natur und Kultur überwindet.“ (S. 176) … „Der vorherrschende kulturalistische Ansatz der Soziologie basiert auf einer problematischen Subjekt-Objekt-Dichotomie, die nicht nur zentrale Fragen unbeantwortet lässt, sondern selbst zum Teil des Problems geworden ist.“ (S. 177)
Die Komplexität hinter den Krisen
Das Buch wird auf den gut bewältigbaren und sehr lesbaren 200 Seiten seinem Titel gerecht: Der Autor analysiert Kapitel für Kapitel das, was wirklich ist, und das, was möglich ist: die komplexen Wirklichkeiten und Hintergründe der multiplen Krisen (Klima, Biodiversität, Ungleichheit) unserer Gegenwart, die Zusammenhänge und Abhängigkeiten zwischen Wirtschaft, politischen Institutionen und die Bemühungen von Politik und Zivilgesellschaft.
Ist ein Kollaps vermeidbar? Was kommt danach?
Sehr interessant ist u. a. die Aufarbeitung der aktuellen „Kollaps“-Forschung in Kapitel Drei. Adloff gibt einen Überblick über die Arbeit einer Vielzahl zeitgenössischer Autorinnen und Autoren, die sich mit wahrscheinlichen (ökologischen und sozialen) Zusammenbrüchen befassen. Diese betonen offenbar durchweg den hohen Stellenwert lokaler und regionaler Netzwerke und Kompetenzen.
Der Autor bezieht auch die Wachstumsdiskurse (Agrowth, Buen Vivir, Degrowth) in seine Betrachtungen mit ein und gibt Leserinnen und Lesern die Möglichkeit, sich mit den wichtigsten Transformationsdiskussionen der Gegenwart vertraut zu machen.
Effizienz und Ökomdernismus reichen nicht
Ablehnend steht er Strategien der „Kontrolle“ und Leugnern gegenüber, die nicht gewillt sind, die anstehenden Krisen demokratisch zu managen: Autoritarismus, Trumpismus und Neoliberalismus, die am Ende die soziale Krise nur verschärfen können und demokratische Lösungen verhindern wollen.
Eine Absage erteilt Adloff auch allen technokratischen Hoffnungen. Das Ökoeffizienz-Versprechen und der Green Deal werden die Probleme nicht wirklich lösen können, denn die Ursachen dieser Probleme liegen tiefer und sind systemischer Natur.
Die Bedeutung der sozialen Frage
Adloff erinnert, wie kann es anders sein, immer wieder an die soziale Frage, die mit all diesen Entwicklungen einhergeht. Angesichts der Tatsache, dass es die einkommensschwächsten Menschen überall auf der Welt sind und sein werden, die am Ende die „Zeche zahlen“, müssen die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Themen zusammengedacht und auf der zivilgesellschaftlichen Ebene zusammengeführt werden. Er weist darauf hin, wie wichtig es ist, dass dieser Kampf um die Zukunft nicht länger als ein Elitenprojekt verunglimpft werden kann.
Dass es in dieser komplexen Lage keine einfache Lösung gibt, liegt auf der Hand. Adloff spricht sich daher für das Prinzip „Bricolage“ aus. Alles Wirkliche und alles Mögliche, was jetzt getan werden kann, um der Klimakatastrophe und dem Biodiversitätsverlust aktiv zu begegnen, muss jetzt getan werden.
Rechte der Natur: Möglich und notwendig
Der juristischen Revolution, die mit den Rechten der Natur einhergehen kann, widmet Frank Adloff in Kapitel Fünf („Soziologie des Möglichen“) einen Abschnitt. Bezug nehmend auf Andreas Gutmann, Fischer-Lescano, Jens Kersten, das Erfurter Urteil und Tilo Wesche würdigt er das Konzept „Rechte der Natur“ und schlussfolgert, dass „eine Modernisierung des Rechts mittelfristig zu einer fundamentalen Transformation unserer Gesellschaftsordnung beitragen“ kann.
In seinem Schlusskapitel beschäftigt er sich mit der Herausforderung „Freiheit“, die in der jüngeren Vergangenheit von Populisten systematisch gegen Klima- und Naturschutz in Stellung gebracht wurde (z. B. ein „Recht auf Bratwurst“, freie Fahrt für freie Bürger, „Verbotspartei“ u. a. m.), um am Ende doch hauptsächlich die Interessen der Vermögenden zu wahren.
Adloff: „Unser modernes Freiheitsverständnis ist vor allem rechtlich konfiguriert: Es schützt die individuelle Willkür, insbesondere im Umgang mit dem eigenen Eigentum, und entlastet den Einzelnen von jeder weitergehenden sittlichen Verantwortung …
Freiheit im Antropzän: Gemeinschaftliche Gestaltung einer neuen Ordnung
Freiheit bedeutet hier vor allem Abwesenheit staatlicher Einmischung. Eine geschützte Privatsphäre wird etabliert, in der das »beliebige Wollen« gilt. Doch dieser Freiheitsbegriff ist problematisch, weil er bloße Willkür legitimiert, ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl oder die sozialen Bedingungen gelingender Selbstbestimmung. Die moderne bürgerliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die ohne Sittlichkeit funktionieren muss (ebd.: 266). Angesichts der ökologischen Verheerungen, die als Antwort dringend eine gesellschaftliche Selbstbeschränkung benötigen, bedarf es einer Revision dieses reduzierten Freiheitsverständnisses.“
Diesem Begriff der „Freiheit von …“ stellt er die Freiheit zur gemeinschaftlichen, demokratischen Gestaltung einer neuen Ordnung entgegen.
Ein zukunftsfähiges Freiheitsverständnis, so Adloff, muss „in der Anerkennung unserer Verbundenheit und Abhängigkeit begründet sein, mit und von anderen Menschen, mit und von künftigen Generationen und mit und von der natürlichen Welt.“
Das Notwendige jetzt tun, WEIL ES DAS RICHTIGE IST und weil wir es uns selbst schulden.
Wir alle sind aufgerufen, das, was möglich und notwendig ist, JETZT voranzutreiben und gemeinsam an einer konvivialistischen Zukunft zu arbeiten. Wir sind aufgerufen, unsere Demokratie weiterzuentwickeln: als Bürgerinnen und Bürger, in Vereinen und Projekten, in kommunalen Gremien, in Bürgerräten und als Menschen, durch unser tägliches Handeln aktiv die Zukunft zu gestalten. Wir sind aufgerufen, jetzt das Notwendige zu tun, WEIL ES DAS RICHTIGE IST. Weil wir es uns selbst schulden. Einem Selbst, das, wie jedes Selbst, zwischen richtig und falsch unterscheiden kann und sich für einen aufrechten Gang entscheidet.
Frank Adloff, Wirkliches und Mögliches in der Klimakrise, Perspektiven der Sozialwissenschaften im ökologischen Wandel, Transkript Verlag, 2025, ISBN 978-8376-7689-1, 248 Seiten – Print: 29,00 Euro
https://www.transcript-verlag.de/author/adloff-frank-202486
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