{"id":60,"date":"2024-02-14T09:54:02","date_gmt":"2024-02-14T09:54:02","guid":{"rendered":"https:\/\/christineax.de\/?p=60"},"modified":"2024-02-14T09:54:02","modified_gmt":"2024-02-14T09:54:02","slug":"der-rechte-augenblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christineax.de\/?p=60","title":{"rendered":"Der rechte Augenblick"},"content":{"rendered":"\n<p>Zeit hat keine Farbe. Wir k\u00f6nnen sie nicht sehen, nicht schmecken, nicht riechen und nicht festhalten. Unterschiedslos und ohne Erbarmen frisst Chronos seine Kinder. Zeit ist unumkehrbar. Es ist Kairos, der Gott des \u201ejetzt oder nie\u201c, der uns auffordert  Gelegenheiten beim Schopfe zu ergreifen. Was z\u00e4hlt, ist der (rechte) Augenblick.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vater war ein deutscher Meister der Zeit. Er war REFA-Experte. Mit der Stoppuhr in der Hand z\u00e4hlte er,\u00a0wie viele Minuten und Sekunden Mensch-Maschinen-Einheiten f\u00fcr die Herstellung eines Autoreifens verbrauchen. Gerade so, als ob Zeit ein knappes Gut sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Industrial Engineering nennt sich so etwas. Auf die Sekunde genau. So ist Deutschland reich geworden. St\u00fcckkosten senken, Effizienz steigern. Maximaler Output bei konstanter Qualit\u00e4tsanforderungen dank kontinuierlichem Verbesserungsprozess. Niemals still stehen. Die Konkurrenz schl\u00e4ft nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Standardisierung: Auf diesem Prinzip beruht jedwede industrielle Fertigung. Das Ganze der Arbeit wird in Arbeitsschritte unterteilt. Danach wird so viel Zeit und Arbeit gespart, wie m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlank m\u00fcssen die Prozesse sein. So schlank wie m\u00f6glich. Rohstoffe, Energie und Transporte sind billig &#8211; nur der Mensch ist wirklich teuer. Deshalb m\u00f6chte man ihn so ersetzbar wie m\u00f6glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende des Weges winkt eine perfekte Welt. Tauben, die uns den Mund fliegen. Trauben, die uns in den Mund wachsen. Dinge, die alles ganz alleine k\u00f6nnen. Digitalisierung, artifizielle Intelligenz und Automation machen es m\u00f6glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Roboter k\u00f6nnen in Zukunft fast alles billiger und besser als wir. Nur eines k\u00f6nnen sie voraussichtlich nicht: konsumieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\"><strong>Wer laufen lernen m\u00f6chte, muss das Fallen \u00fcben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aber ganz so weit ist es noch nicht. Noch immer gibt es Menschen an Orten, die nach anderen Prinzipien funktionieren. Werkst\u00e4tten, die dem Prinzip Industrie keine Chance geben. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall wo die Natur mitwirkt,  haben wir nicht die Wahl, sondern m\u00fcssen ihren Eigensinn respektieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Teig zum Beispiele muss man seine Zeit geben. Das wei\u00df jeder B\u00e4cker. Nur dann wird das Brot und der Teig richtig gut.\u00a0 Und jedes Mehl ist schlie\u00dflich anders, selbst wenn es vom immer gleichen Schlag nebenan kommt und vom gleichen M\u00fcller vermalen wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Teig also mach den B\u00e4cker und sch\u00e4rft die Sinne. Den richtigen Augenblick abzupassen, braucht Erfahrung und den Mut zum Scheitern. <\/p>\n\n\n\n<p>Wo Hefebakterien und Enzyme in den Backstuben die Choreografie vorgeben, kann Zeit nur ganz anders behandelt und optimiert werden und fordert unsere Sinne, unser Denken und F\u00fchlen ganz. Mann muss den rechten Augenblick erkennen und beim Schopfe ergreifen. \u00a0Im Hier und Jetzt. Man muss auf &#8222;Qui Vive&#8220; sein, w\u00fcrde man in Frankreich vielleicht sagen. Es ist der Augenblick h\u00f6chster Wachsamkeit. Der Augenblick h\u00f6chster Pr\u00e4senz des Seins. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie sehr Gott (Kairos) in der Zeit wirkt, k\u00f6nnen wir auch bei der Herstellung und Lagerung von K\u00e4se oder Rotwein oder Branntwein beobachten, in guten Tischlereien, in der T\u00f6pferwerkstatt, beim Malen und Zeichnen oder dem  Zimmermann.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Versuch, mit einer K\u00e4serei an einen anderen Ort zu gehen, um dort den gleichen K\u00e4ste herzustellen, muss scheitern. Es ist nicht nur die Zeit, sondern auch der Ort, der den K\u00e4se macht. Und beide zusammen machen den K\u00e4ser, die K\u00e4serin. Denn an keinem Ort der Welt sind die Bakterien, die den K\u00e4se erst ausmachen, dieselben. Echter K\u00e4se f\u00fchrt sein Leben lang ein Eigenleben. Nach drei Monaten ist der Greyerzer nicht mehr derselbe. Auch, wenn die Milch von der gleichen Alm kommt. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr den Rotwein und das Bier. Mutter Natur lebt in all diesen Dingen. Und sp\u00e4ter auch in uns. Oder bei der Holzproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer einen Baum bei Vollmond schl\u00e4gt, hat sp\u00e4ter ein Holz in den H\u00e4nden, das herausragende Eigenschaften hat. Jeder Baum, jedes Holz und jedes Brett ist ein bisschen anders, davon k\u00f6nnen erfahrene TischlerInnen und Zimmerleute ein Lied singen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Exzellenzforschung lehrt uns:  Alle K\u00fcnste erfordern rund 10.000 Stunden \u00dcbung\/Erfahrung. Erst dann sind wir in der Lage, Kairos auf der H\u00f6he der Zeit zu begegnen, der Chance, mit Eleganz und K\u00f6nnerschaft alles abzuverlangen und dem Besonderen auf die Welt zu helfen. Inspiration, Intuition und Imagination: So wird alles zu kunstvollem K\u00f6nnen und manchmal auch zur Kunst.  <\/p>\n\n\n\n<p>Digitalisierung: Noch haben wir die Wahl. Ein bisschen jedenfalls.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Und wir? Nicht trotz, sondern wegen der Vielfalt an M\u00f6glichkeiten, Angeboten und Diensten, die uns das Leben noch einfacher und noch angenehmer machen k\u00f6nnten (oder es uns auch gleich ganz ersparen), sind wir vor allem mit uns selbst besch\u00e4ftigt. Alltag und die Arbeit fressen uns auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zwar nicht trotz, sondern wegen der Verg\u00f6tterung von Effizienz und unserem wahnsinnigen Besserwahn. Als Energieoptimierer haben wir Menschen es am liebsten bequem. Das gilt auch f\u00fcrs Denken. Fernsehk\u00f6che ersparen uns das  selber Kochen. Das Handy kauft f\u00fcr uns im Supermarkt ein, f\u00e4hrt die Heizung hoch und l\u00e4sst die Rolll\u00e4den runter. Falls Sie dabei das Gef\u00fchl haben, irgendetwas zu beherrschen oder im Griff zu haben, darf ich Ihnen versichern: Das Gegenteil ist der Fall. Ohne Strom und ohne Geld geht nichts mehr. Es ist ein st\u00e4ndiger Fluss der Selbst-Entm\u00e4chtigung, der wir uns \u00fcberantworten. <\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeit hat keine Farbe. Wir k\u00f6nnen sie nicht sehen, nicht schmecken, nicht riechen und nicht festhalten. Unterschiedslos und ohne Erbarmen frisst Chronos seine Kinder. Zeit ist unumkehrbar. Es ist Kairos, der Gott des \u201ejetzt oder nie\u201c, der uns auffordert Gelegenheiten beim Schopfe zu ergreifen. Was z\u00e4hlt, ist der (rechte) Augenblick. 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