{"id":46,"date":"2024-02-14T08:37:45","date_gmt":"2024-02-14T08:37:45","guid":{"rendered":"https:\/\/christineax.de\/?p=46"},"modified":"2024-02-14T08:37:45","modified_gmt":"2024-02-14T08:37:45","slug":"prolog-was-tat-gott-am-achten-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christineax.de\/?p=46","title":{"rendered":"Prolog: Was tat Gott am achten Tag?"},"content":{"rendered":"\n<p>Sechs Tage lang schuf Gott die Erde. Und am Ende des sechsten Tages sah er, dass es gut war. Es war gut. Um nicht zu sagen g\u00f6ttlich. Dann ruhte er einen Tag. Erholung braucht jeder. Was er danach tat, wissen wir nicht. Vielleicht g\u00f6nnte er sich ein wenig Mu\u00dfe. Aber vielleicht schuf er danach auch eine n\u00e4chste Erde und noch eine und noch eine. So eine Ewigkeit kann ja ganz sch\u00f6n lang werden. Vielleicht sogar langweilig?<\/p>\n\n\n\n<p>Und wir? Was tun seine gott\u00e4hnlichen Gesch\u00f6pfe? Wir fingen sofort an, alles zu verbessern. Von morgens bis abends. Und davon bekommen wir nie genug. Wir machen die Augen auf, und finden sofort etwas, das noch ein bisschen anders oder besser sein k\u00f6nnte. An der Welt oder an uns. Das gilt auch f\u00fcr den Fall, dass es mehr als gut genug ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Vertreibung aus dem Paradies (was genau Adam und Eva dort den ganzen Tag lang taten, wissen wir nicht) sind wir au\u00dferdem gen\u00f6tigt, unser Brot im Schwei\u00dfe unseres Angesichtes zu backen. Gen\u00f6tigt sein, hatte urspr\u00fcnglich mit Not zu tun. Welche Not?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Feinde des Guten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie geht nichts tun? Ist es nicht so, dass wir eigentlich immer etwas tun? Selbst wenn wir nichts tun, die Zeit totschlagen, abh\u00e4ngen, chillen, faulenzen, ruhen, schlafen, die H\u00e4nde in den Schoss legen, wenn wir \u00abTu-nichts-gute\u00bb sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcssiggang ist aller Laster Anfang, sagt der Volksmund und vermutet nichts Gutes, wenn wir nicht fleissig sind: Opulenz, Lasterhaftigkeit und Triebhaftigkeit \u2026 vor allem, dass wir am Ende den Anderen auf der Brieftasche liegen. Musse musste schon immer unbedingt und auf jeden Fall gerechtfertigt werden. Heute wird es gerne als kreative Pause bezeichnet, bevor wir wieder fleissig und einfallsreich dazu beitragen, das Bruttosozialprodukt zu steigern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war \u00fcbrigens noch nie egal, wer unt\u00e4tig ist. Das Nichtstun der Reichen war schon immer weniger skandal\u00f6s als das der Armen. Ausserdem sah es besser aus. Wie anstrengend und \u00f6de Nichtstun sein kann, wurde inzwischen hinreichend beschrieben. Die guten Reichen h\u00f6ren ja auch nicht auf, zu arbeiten; sie erh\u00f6hen ihren Reichtum und strengen sich an, ihr Geld noch raffinierter auszugeben oder wenigstens, noch besser auszusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das eigentliche Bemerkenswerte ist, dass wir immer etwas tun m\u00fcssen, selbst wenn wir nichts tun. Und ganz gleich, was wir tun, es ist nie genug, es h\u00f6rt nie auf und wir finden immer einen Grund, warum es noch besser werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum ist gut eigentlich nie gut genug? Und ist das Bessere nicht der Feind des Guten?<\/p>\n\n\n\n<p>Entspricht es tats\u00e4chlich unserer Erfahrung, dass das Bessere immer besser ist? Die Welt ist voller Beispiele daf\u00fcr, dass sich das Bessere im Auftrag von Wachstums- und Fortschrittswahn auf einem abscheulichen Feldzug gegen das Gute befindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer h\u00e4ufiger begegnet mir das Ph\u00e4nomen, dass am Ende von anhaltenden Verbesserungsprozessen ein monstr\u00f6ses Ergebnis steht, das alles nur komplizierter gemacht hat, komplexer, umfangreicher. Aus einer einfachen Norm wird dann ein 700-seitiges Regelwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Smartphones und Rechner werden von einem Deus ex machina st\u00e4ndig geupdated, bis sich niemand mehr auskennt, Viren unsere Festplatten verseuchen und der Arbeitsspeicher zugem\u00fcllt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer braucht schon Waschmaschinen, die sich mit unseren Staubsaugern dar\u00fcber unterhalten, wie sie gemeinsam in Zukunft das Geheimnis der verschwundenen Str\u00fcmpfe f\u00fcr uns l\u00f6sen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Woran liegt es, dass alles nie gut genug ist und immer noch besser werden muss?&nbsp; Ist \u00abgut\u00bb nicht ein absoluter Begriff und \u00abbesser\u00bb ein relativer? Wann genau haben wir vergessen, dass es nichts Besseres als Das Gute gibt?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das Gute nicht gut ist, dann ist es auch nicht das Gute. Aber wenn es wirklich gut ist, dann ist es auch gut genug. Denn auch das Bessere k\u00f6nnte uns doch niemals mehr sein, als das Gute.<\/p>\n\n\n\n<p>Was geschieht mit uns, wenn wir das Gute nicht mehr erkennen k\u00f6nnen, sondern stattdessen immer auf der Suche nach dem Besseren sind, das immer nur sehr kurz gut genug sein kann, weil ja \u2013 wie oben ausgef\u00fchrt \u2013 das Bessere der Feind des Guten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entdeckung des Guten w\u00e4re das Ende des Besseren. W\u00fcrde uns sofort in die Postwachstumsgesellschaft st\u00fcrzen. Was f\u00fcr ein schrecklicher Gedanke: Er oder sie \u2013 ein Gott \u00e4hnliches Gesch\u00f6pf \u2013 schl\u00e4gt morgens die Augen und sieht \u00aballes ist gut\u00bb. Womit wir wieder beim Anfang der Geschichte w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Epilog: Was wir schon immer gern getan h\u00e4tten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Unternehmensberater macht Urlaub am Meer und trifft einen Fischer, der am Ufer angelt und den lieben Gott einen guten Mann sein l\u00e4sst. Obwohl er im Urlaub ist, liest er diesem Tagedieb (jemand, der dem lieben Gotte einen Tag stiehlt) die Leviten und tut das, was er an der Business-School gelernt hat: beraten. Er diskutiert den Business Case, schreibt den Businessplan, geht mit ihm zur Bank, besorgt die Finanzierung, kassiert seine Prozente und wenige Wochen sp\u00e4ter ist der Fischer mit einer ganzen Fangflotte vor Gr\u00f6nland unterwegs und fischt das Meer leer. Die Fangertr\u00e4ge sinken. Die EU senkt die Fangquote und zwei Jahre sp\u00e4ter geht der Fischer in Konkurs. Er nimmt seine Angel, geht ans Meer und wen trifft er dort, eine Angel in der Hand? Den Berater. Der hat ausgesorgt, ist in Rente und tut das, was er schon immer am liebsten getan h\u00e4tte: in Ruhe angeln und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, der nichts dagegen hat, wenn man ihm die Zeit stiehlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sechs Tage lang schuf Gott die Erde. 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