{"id":197,"date":"2026-04-11T08:24:16","date_gmt":"2026-04-11T08:24:16","guid":{"rendered":"https:\/\/christineax.de\/?p=197"},"modified":"2026-04-11T08:24:46","modified_gmt":"2026-04-11T08:24:46","slug":"wenns-geht-lesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christineax.de\/?p=197","title":{"rendered":"Grossartige Lekt\u00fcre &#8230;"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Frank Adloff: Wirkliches und M\u00f6gliches in der Klimakrise <\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Fangen wir beim Ende des Buches an!!!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Denn wer der Argumentation des Buches bis zum Ende aufmerksam gefolgt ist, wird am Ende mit folgender Erkenntnis belohnt: Auch wenn wir das \u00dcberschreiten der planetaren Grenzen nicht verhindern k\u00f6nnen (so viel ist gewiss), kommt es darauf an, in W\u00fcrde zu scheitern. Was bedeutet: Es kommt darauf an, JETZT das Richtige zu tun. Denn das schulden wir nicht nur der Natur, sondern auch&nbsp;<strong>unserer Selbstachtung<\/strong>. Denn, so Frank Adloff: \u201eOhne W\u00fcrde zu scheitern, w\u00e4re noch deprimierender und grausamer, wenn auch daf\u00fcr eine nicht geringe M\u00f6glichkeit besteht. Aber es ist auch m\u00f6glich, den \u00f6kologischen Katastrophen angemessen entgegenzutreten: in W\u00fcrde, gerecht und mit vergr\u00f6\u00dferten gesellschaftlichen Probleml\u00f6sungskapazit\u00e4ten.&#8220; (S. 209)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Doch was bedeutet das konkret?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frank Adloff: \u201eKonviviale Freiheit &#8230; fordert Institutionen, die nicht-menschliche Wesen repr\u00e4sentieren, Wirtschaftsformen, die auf Reziprozit\u00e4t statt Ausbeutung basieren, und eine Demokratie, die ihre Entscheidungen an Ma\u00dfst\u00e4ben der Inklusion und Verwundbarkeit misst. Nur so l\u00e4sst sich verhindern, dass Freiheit weiterhin als Recht auf r\u00fccksichtslose Aneignung missverstanden wird. In einer Welt radikaler Verflechtung wird damit die Vermeidung von Grausamkeit zur ersten politischen Pflicht und der Schutz der W\u00fcrde aller Verletzbaren zum ethischen Ma\u00dfstab.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Frank Adloff ist Soziologe, Sprecher und Co-Leiter der Kolleg-Forschungsgruppe \u201eZuk\u00fcnfte der Nachhaltigkeit&#8220; und einer der renommiertesten Bef\u00fcrworter der Rechte der Natur. Ein Forschungsbereich, der j\u00e4hrlich \u00fcber den Stand der Klimawende informiert und dar\u00fcber, ob wir B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger Deutschlands auf einem guten Weg sind, die von Politik und Gesellschaft formulierten Klimaziele zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Radikale Bestandsaufnahme<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch beginnt einleitend mit einer radikal ehrlichen Bestandsaufnahme des Status quo. Mit Aussagen wie: \u201e&#8230; aber in Wirklichkeit steuern wir derzeit auf eine Welt der Klimabarbarei zu, in der der Globale Norden eine exkludierende, regressive und grausame Anpassung an den Klimawandel betreibt.&#8220; (S. 9)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDaher ist dieser Text auch als Versuch zu verstehen, Rechenschaft dar\u00fcber abzulegen, was die Sozialwissenschaften im Anthropoz\u00e4n auf welche Weise dazu beitragen k\u00f6nnen, den \u00f6kologischen Verheerungen und Katastrophen zu begegnen. Die Pr\u00e4misse lautet: Gesellschaften k\u00f6nnen nur dann widerstandsf\u00e4higer, gerechter und konvivialer werden, wenn sie sich auf die Ungewissheiten der Zukunft vorbereiten, planetare Grenzen respektieren und eine Kultur der Verantwortung entwickeln. Wir ben\u00f6tigen l\u00e4ngerfristige Perspektiven, um der apokalyptischen Klaustrophobie der Klimakatastrophe zu entkommen und einen M\u00f6glichkeitsraum f\u00fcr die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte zu skizzieren. Hierzu sollten aus meiner Sicht auch die Sozialwissenschaften ihren Beitrag leisten.&#8220; (S. 11)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kritik: Sozialwissenschaften haben bisher Natur als Konstante behandelt &#8211; Wissenschaft kann und darf nicht neutral sein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch und sein Autor sind in der Sache nicht neutral und wollen es auch explizit nicht sein. Frank Adloff liefert daf\u00fcr mehrfach Begr\u00fcndungen. Denn die Soziologie steht im Anthropoz\u00e4n vor v\u00f6llig neuen, existenziellen Herausforderungen. Die Sozialwissenschaften, so Adloffs unverbl\u00fcmte Kritik, verga\u00dfen bisher den Naturraum als gesellschaftliche Voraussetzung und geben sich der Illusion hin, die Mensch-Natur-Beziehung sei eine Art Konstante. Dabei weisen die physikalischen und biologischen Realit\u00e4ten auf den \u00dcbergang in unbekannte, instabile soziale und \u00f6kologische Zust\u00e4nde hin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nichtmenschliche Akteure einbeziehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frank Adloff begn\u00fcgt sich nicht damit, Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler aufzufordern, ihren normativen Standpunkt offen zu legen und selbst Stellung zu beziehen, er fordert die Sozialwissenschaften als Ganzes auf, den Kreis der Akteure und Betroffenen um die nichtmenschliche Dimension zu erweitern:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin zentrales Konzept f\u00fcr eine solche erneuerte Soziologie ist das der \u00bbInterdependenz\u00ab. Dabei sind nicht nur menschliche Interaktionen in ihrer wechselseitigen Abh\u00e4ngigkeit entscheidend, sondern auch die Wechselbeziehungen mit nicht-menschlichen Akteuren (Tieren, Objekten, \u00d6kosystemen) m\u00fcssen ber\u00fccksichtigt werden, besonders heute im Zeitalter des Anthropoz\u00e4ns. Damit verbinde ich die Forderung nach einem radikalen Perspektivwechsel: weg von substanzontologischen Ans\u00e4tzen, hin zu einer relationalen Denkweise (Emirbayer 1997), die \u00fcber menschliche Akteure hinausgeht, Kontingenz anerkennt und wissenschaftliche Erkl\u00e4rungen pluralistisch konzipiert.&#8220; (S. 170)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Sozialwissenschaften ben\u00f6tigen aus meiner Sicht deshalb eine grundlegende ontologische Neuausrichtung, welche die traditionelle Trennung von Natur und Kultur \u00fcberwindet.&#8220; (S. 176) &#8230; \u201eDer vorherrschende kulturalistische Ansatz der Soziologie basiert auf einer problematischen Subjekt-Objekt-Dichotomie, die nicht nur zentrale Fragen unbeantwortet l\u00e4sst, sondern selbst zum Teil des Problems geworden ist.&#8220; (S. 177)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Komplexit\u00e4t hinter den Krisen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch wird auf den gut bew\u00e4ltigbaren und sehr lesbaren 200 Seiten seinem Titel gerecht: Der Autor analysiert Kapitel f\u00fcr Kapitel das, was wirklich ist, und das, was m\u00f6glich ist: die komplexen Wirklichkeiten und Hintergr\u00fcnde der multiplen Krisen (Klima, Biodiversit\u00e4t, Ungleichheit) unserer Gegenwart, die Zusammenh\u00e4nge und Abh\u00e4ngigkeiten zwischen Wirtschaft, politischen Institutionen und die Bem\u00fchungen von Politik und Zivilgesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ist ein Kollaps vermeidbar? Was kommt danach?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr interessant ist u. a. die Aufarbeitung der aktuellen \u201eKollaps&#8220;-Forschung in Kapitel Drei. Adloff gibt einen \u00dcberblick \u00fcber die Arbeit einer Vielzahl zeitgen\u00f6ssischer Autorinnen und Autoren, die sich mit wahrscheinlichen (\u00f6kologischen und sozialen) Zusammenbr\u00fcchen befassen. Diese betonen offenbar durchweg den hohen Stellenwert lokaler und regionaler Netzwerke und Kompetenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor bezieht auch die Wachstumsdiskurse (Agrowth, Buen Vivir, Degrowth) in seine Betrachtungen mit ein und gibt Leserinnen und Lesern die M\u00f6glichkeit, sich mit den wichtigsten Transformationsdiskussionen der Gegenwart vertraut zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Effizienz und \u00d6komdernismus reichen nicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ablehnend steht er Strategien der \u201eKontrolle&#8220; und Leugnern gegen\u00fcber, die nicht gewillt sind, die anstehenden Krisen demokratisch zu managen: Autoritarismus, Trumpismus und Neoliberalismus, die am Ende die soziale Krise nur versch\u00e4rfen k\u00f6nnen und demokratische L\u00f6sungen verhindern wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Absage erteilt Adloff auch allen technokratischen Hoffnungen. Das \u00d6koeffizienz-Versprechen und der Green Deal werden die Probleme nicht wirklich l\u00f6sen k\u00f6nnen, denn die Ursachen dieser Probleme liegen tiefer und sind systemischer Natur.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Bedeutung der sozialen Frage<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Adloff erinnert, wie kann es anders sein, immer wieder an die soziale Frage, die mit all diesen Entwicklungen einhergeht. Angesichts der Tatsache, dass es die einkommensschw\u00e4chsten Menschen \u00fcberall auf der Welt sind und sein werden, die am Ende die \u201eZeche zahlen&#8220;, m\u00fcssen die sozialen, wirtschaftlichen und \u00f6kologischen Themen zusammengedacht und auf der zivilgesellschaftlichen Ebene zusammengef\u00fchrt werden. Er weist darauf hin, wie wichtig es ist, dass dieser Kampf um die Zukunft nicht l\u00e4nger als ein Elitenprojekt verunglimpft werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es in dieser komplexen Lage keine einfache L\u00f6sung gibt, liegt auf der Hand. Adloff spricht sich daher f\u00fcr das Prinzip \u201eBricolage&#8220; aus. Alles Wirkliche und alles M\u00f6gliche, was jetzt getan werden kann, um der Klimakatastrophe und dem Biodiversit\u00e4tsverlust aktiv zu begegnen, muss jetzt getan werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rechte der Natur: M\u00f6glich und notwendig<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der juristischen Revolution, die mit den Rechten der Natur einhergehen kann, widmet Frank Adloff in Kapitel F\u00fcnf (\u201eSoziologie des M\u00f6glichen&#8220;) einen Abschnitt. Bezug nehmend auf Andreas Gutmann, Fischer-Lescano, Jens Kersten, das Erfurter Urteil und Tilo Wesche w\u00fcrdigt er das Konzept \u201eRechte der Natur&#8220; und schlussfolgert, dass \u201eeine Modernisierung des Rechts mittelfristig zu einer fundamentalen Transformation unserer Gesellschaftsordnung beitragen&#8220; kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Schlusskapitel besch\u00e4ftigt er sich mit der Herausforderung \u201eFreiheit&#8220;, die in der j\u00fcngeren Vergangenheit von Populisten systematisch gegen Klima- und Naturschutz in Stellung gebracht wurde (z. B. ein \u201eRecht auf Bratwurst&#8220;, freie Fahrt f\u00fcr freie B\u00fcrger, \u201eVerbotspartei&#8220; u. a. m.), um am Ende doch haupts\u00e4chlich die Interessen der Verm\u00f6genden zu wahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Adloff: \u201eUnser modernes Freiheitsverst\u00e4ndnis ist vor allem rechtlich konfiguriert: Es sch\u00fctzt die individuelle Willk\u00fcr, insbesondere im Umgang mit dem eigenen Eigentum, und entlastet den Einzelnen von jeder weitergehenden sittlichen Verantwortung &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freiheit im Antropz\u00e4n: Gemeinschaftliche Gestaltung einer neuen Ordnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Freiheit bedeutet hier vor allem Abwesenheit staatlicher Einmischung. Eine gesch\u00fctzte Privatsph\u00e4re wird etabliert, in der das \u00bbbeliebige Wollen\u00ab gilt. Doch dieser Freiheitsbegriff ist problematisch, weil er blo\u00dfe Willk\u00fcr legitimiert, ohne R\u00fccksicht auf das Gemeinwohl oder die sozialen Bedingungen gelingender Selbstbestimmung. Die moderne b\u00fcrgerliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die ohne Sittlichkeit funktionieren muss (ebd.: 266). Angesichts der \u00f6kologischen Verheerungen, die als Antwort dringend eine gesellschaftliche Selbstbeschr\u00e4nkung ben\u00f6tigen, bedarf es einer Revision dieses reduzierten Freiheitsverst\u00e4ndnisses.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Diesem Begriff der \u201eFreiheit von &#8230;&#8220; stellt er die Freiheit zur gemeinschaftlichen, demokratischen Gestaltung einer neuen Ordnung entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zukunftsf\u00e4higes Freiheitsverst\u00e4ndnis, so Adloff, muss \u201ein der Anerkennung unserer Verbundenheit und Abh\u00e4ngigkeit begr\u00fcndet sein, mit und von anderen Menschen, mit und von k\u00fcnftigen Generationen und mit und von der nat\u00fcrlichen Welt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Notwendige jetzt tun, WEIL ES DAS RICHTIGE IST und weil wir es uns selbst schulden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir alle sind aufgerufen, das, was m\u00f6glich und notwendig ist, JETZT voranzutreiben und gemeinsam an einer konvivialistischen Zukunft zu arbeiten. Wir sind aufgerufen, unsere Demokratie weiterzuentwickeln: als B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, in Vereinen und Projekten, in kommunalen Gremien, in B\u00fcrgerr\u00e4ten und als Menschen, durch unser t\u00e4gliches Handeln aktiv die Zukunft zu gestalten. Wir sind aufgerufen, jetzt das Notwendige zu tun, WEIL ES DAS RICHTIGE IST. Weil wir es uns selbst schulden. Einem Selbst, das, wie jedes Selbst, zwischen richtig und falsch unterscheiden kann und sich f\u00fcr einen aufrechten Gang entscheidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Frank Adloff, Wirkliches und M\u00f6gliches in der Klimakrise, Perspektiven der Sozialwissenschaften im \u00f6kologischen Wandel, Transkript Verlag, 2025, ISBN 978-8376-7689-1, 248 Seiten \u2013 Print: 29,00 Euro<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/author\/adloff-frank-202486\">https:\/\/www.transcript-verlag.de\/author\/adloff-frank-202486<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hier kann man es kostenfrei als PDF herunterladen:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-7689-1\/wirkliches-und-moegliches-in-der-klimakrise\/?number=978-3-8394-7689-5\">https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-7689-1\/wirkliches-und-moegliches-in-der-klimakrise\/?number=978-3-8394-7689-5<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank Adloff: Wirkliches und M\u00f6gliches in der Klimakrise Fangen wir beim Ende des Buches an!!! 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