{"id":127,"date":"2025-01-02T14:43:00","date_gmt":"2025-01-02T14:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/christineax.de\/?p=127"},"modified":"2025-05-22T15:10:34","modified_gmt":"2025-05-22T15:10:34","slug":"zum-verhaelntis-von-natur-und-freiheit-bei-markus-eine-buchempfehlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christineax.de\/?p=127","title":{"rendered":"Zum Verh\u00e4ltnis von Natur und Freiheit bei Markuse &#8211; eine Buchempfehlung"},"content":{"rendered":"\n<p>Man kann aus vielen Gr\u00fcnden zu dem Ergebnis kommen, dass wir unsere Beziehung zur Natur neu denken m\u00fcssen. Die 117 Seite starke Ver\u00f6ffentlichung \u201cDie Befreiung der Natur \u2013 Zum Verh\u00e4ltnis von Natur und Freiheit bei Herbert Marcuse\u201c liefert daf\u00fcr spannende Denkanst\u00f6\u00dfe.&nbsp;Sein Autor,&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulrich_Ruschig\">Ulrich Rutschig,&nbsp;<\/a>Chemiker und Philosophie-Professor im Ruhestand (Universit\u00e4t Oldenburg) ist ein ausgewiesener Kenner der Kritischen Theorie.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang der 70er Jahre schrieb Marcuse den Aufsatz \u201eNatur und Revolution\u201c. Es ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die \u201eBefreiung der Natur\u201c durch die Arbeiterklasse. Marcuse war davon \u00fcberzeugt, dass die Befreiung des Menschen von den Zumutungen des Kapitalismus nur Hand in Hand mit der Befreiung der Natur einhergehen k\u00f6nne. Denn es liege in der vern\u00fcnftigen Natur des Menschen, die Natur vor sich selbst zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Marcuse sich mit dieser Frage befasste, ist keineswegs selbstverst\u00e4ndlich. Schlie\u00dflich war in den 70er Jahren die Notwendigkeit des Naturschutzes nur bei wenigen \u201eLinken\u201c ein Thema. Orthodoxe Marxisten hielten viel zu lange die Zerst\u00f6rung der Natur f\u00fcr eine Art historischen \u201cNebenwiderspruch\u201c, der sich aufl\u00f6st, wenn der Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit Geschichte sein w\u00fcrde. Dieser Ansicht ist Marcuse explizit nicht.&nbsp;<a href=\"https:\/\/blog.rechte-der-natur.de\/#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Interessant und aktuell an dieser Ver\u00f6ffentlichung ist, dass Rutschig Marcuses Kritik an Kants Naturverh\u00e4ltnis ausf\u00fchrlich darstellt. Denn viele Verfassungsrechtler berufen sich noch heute auf Kant, um die Vormachtstellung des Menschen \u00fcber die Natur zu legitimieren und die Forderung nach den Rechten der Natur abzuwehren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was wollte Kant?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Kant ist Natur ein Objekt und steht daher unbegrenzt und kostenfrei als Mittel f\u00fcr die menschliche Zwecke (Wirtschaft, Selbstverwirklichung) zu Verf\u00fcgung. Diese Freiheit, die Kant dem Menschen zuschreibt, wird durch die Moralit\u00e4t begrenzt, die dem Menschen eigen ist. Womit die menschliche F\u00e4higkeit gemeint ist, sich selbst Gesetze zu geben und dem moralischen Imperativ zu gehorchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass nur der vernunftbegabte Mensch W\u00fcrde besitzt, war bis ins 19. Jahrhundert so selbstverst\u00e4ndlich, dass nicht nur Tiere, Pflanzen und die unbelebte Natur als Objekt behandelt werden durften, sondern auch alle Menschen, denen man ihr Menschsein absprach. &nbsp;Indigenen V\u00f6lkern, die die falsche (nicht europ\u00e4ische) Nasen- und Sch\u00e4delform hatten, sprach man lange ihr vollwertiges Menschsein ab. Woraus sich auch ergab, dass sie keine der wei\u00dfen Rasse vergleichbare Vernunft besitzen konnten, dass andere f\u00fcr sie entscheiden mussten und dass man sie als w\u00fcrdelose Objekt behandelt durfte: In Zoos zeigen, einsperren, sterilisieren, umerziehen, enteignen, entrechten etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter ihnen auch Japans Ureinwohner, die bis heute darum k\u00e4mpfen, dass die Gebeine ihrer Vorfahren nicht mehr in Museen aufbewahrt werden, sondern an sie zur\u00fcckgegeben werden, damit sie an den heiligen St\u00e4tten ihrer Vorfahren beerdigt werden k\u00f6nnen.<a href=\"https:\/\/blog.rechte-der-natur.de\/#_ftn2\">[2]<\/a><a href=\"https:\/\/blog.rechte-der-natur.de\/#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Marcuse setzt mit seiner Kritik an diesem kantschen W\u00fcrdebegriff an. Kant geht davon aus, dass Natur und Freiheit einander ausschlie\u00dfen. Da die Natur keinen freien Wille habe, k\u00f6nne sie kein Subjekt sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bedeutet dies auch, dass die Natur keine W\u00fcrde hat?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kant verkn\u00fcpft seinen W\u00fcrdebegriff mit den Begriffen \u201eWert an sich\u201c und Preis<a href=\"https:\/\/blog.rechte-der-natur.de\/#_ftn4\">[4]<\/a>. Was einen Preis hat, das kann ersetzt werden, hat keinen Selbstzweck und ist kein Eigenwert. Umgekehrt formuliert k\u00f6nnte man auch sagen: Nur was<strong>nicht austauschbar<\/strong><strong>ist,<\/strong>besitzt eine W\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Rutschig arbeitet in seinem Buch detailliert heraus, wie Herbert Marcuse Kants Annahmen und Schlussfolgerungen kritisiert und seine Gegenthese, dass die Natur und alle Lebewesen einen \u201c<strong>Zweck an sich selbst<\/strong>\u201d \u201csind, begr\u00fcndet. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Marcuse anerkannte, dass Moralit\u00e4t in der Autonomie der Vernunft begr\u00fcndet ist und dass Moralit\u00e4t vern\u00fcnftige Subjekte erfordert. Aber der Mensch \u2013 so Marcuse \u2013 ist kein reines Vernunftwesen, er ist auch ein Sinnenwesen, ein \u201eAnimal (Tier) rationale\u201c \u2013 das auf den Stoffwechsel mit der Natur angewiesen ist. Er ist sich seines Selbst bewusst gewordene Natur. Folglich geb\u00fchre nicht nur seinem \u201eVernunftwesen-sein\u201c&nbsp; sondern auch seinem \u201eNaturwesen-sein\u201c &nbsp;Achtung. Zumal er nicht unabh\u00e4ngig von anderen Lebewesen und Arten leben kann, sondern diese seine Voraussetzung waren und sind, seine conditio sine qua non.<\/p>\n\n\n\n<p>Marcuse h\u00e4lt es f\u00fcr moralisch geboten, dass die vern\u00fcnftige Natur des Menschen die Natur als \u201eZweck an sich selbst\u201d w\u00fcrdigt, ohne die der Mensch nicht sein kann. Denn die Natur ist seine Voraussetzung, der hinreichende Grund f\u00fcr seine Existenz. Sie ist nicht austauschbar und hat keine materielles \u00e4quivalent. Der Mensch hat die Freiheit, dies zu ignorieren. Doch vern\u00fcnftig ist das nicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Marcuse schrieb diesen Aufsatz Anfang der 70er Jahre, und er konnte folglich nicht wissen, was wir heute wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine romantische Vorstellung vom revolution\u00e4ren Subjekt Arbeiterklasse, das den Kapitalismus abschafft und die Natur befreit, wurde bisher von der Geschichte bisher nicht begr\u00fcndet. Und auch seine Hoffnung, dass es der Mensch die Natur befreit, ist bis heute nur ein frommer Wunsch geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschwindigkeit und die Eingriffstiefe mit, der der vernunftbegabte Mensch seit den 70er Jahren die Natur zerst\u00f6rt, l\u00e4sst eine Befreiung der Natur kommt, wenn diese \u00dcbung doch noch eines Tages gelingt, f\u00fcr viele Tiere und Pflanzen zu sp\u00e4t.&nbsp;<a href=\"https:\/\/blog.rechte-der-natur.de\/#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlicher erscheint es inzwischen, dass sich die Natur von der Menschheit (ganz oder teilweise) befreit \u2013 es sei denn, der Mensch kommt ihm mit seinen Vernichtungswaffen zuvor, oder ein Virus erledigt das Gesch\u00e4ft. Marcuse hat wohl die realen Machtverh\u00e4ltnisse zwischen Menschen und Natur ebenso falsch eingesch\u00e4tzt, wie die Machtverh\u00e4ltnisse zwischen Kapital und Arbeit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00e4ndert allerdings nichts daran, dass es sich lohnt, sich mit Marcuses Kritik an Kant auseinander zu setzen. Denn nur wenige Philosophen haben dies aus dieser Perspektive getan.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/blog.rechte-der-natur.de\/#_ftnref1\">[1]<\/a>&nbsp;Zumal die Hoffnung auf die Arbeiterklasse als revolution\u00e4res Subjekt entt\u00e4uscht wurde. Ist doch die \u201eArbeiterklasse\u201c sowohl in den \u201caltindustriellen L\u00e4ndern\u201d als in den jungen Industriel\u00e4ndern in der internationalen Konsumentenklasse aufgegangen, die ihr Recht auf einen westlichen Lebensstil und die damit verbundene Ausbeutung der Natur ebenso vernunftfrei wie hartn\u00e4ckig verteidigt.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/blog.rechte-der-natur.de\/#_ftnref2\">[2]<\/a>&nbsp;Was unvoreingenommene Beobachter heute vielleicht als einen Hinweis darauf deuten k\u00f6nnten, dass es mit der Vernunft diese wei\u00dfen Rasse und derer, die diese verherrlichen nicht sehr weit her sein kann, oder dass es sich um eine ausgesprochen unmenschliche Vernunft handelt, die ihren eigenen Anspr\u00fcchen an Menschlichkeit und Vernunft nicht gen\u00fcgt. Denn Kant war kein Unmensch. F\u00fcr Kant war Vernunft untrennbar mit dem moralischen Imperativ verbunden. Streng genommen k\u00f6nnte man aus dieser logischen Verkn\u00fcpfung darauf schlie\u00dfen, dass alle Lebewesen, die den moralischen Imperativ nicht verstanden haben und nicht danach leben, keine Menschen sind. Aber was sind sie dann?<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/blog.rechte-der-natur.de\/#_ftnref3\">[3]<\/a>Uwe Makino: \u201eDer Sch\u00e4delforscher errechnet einen Sch\u00e4delindex aus der Relation von L\u00e4nge und Breite, man schlie\u00dft von der Sch\u00e4delkapazit\u00e4t auf die Hirnentwicklung und damit auf die Kulturf\u00e4higkeit und sp\u00e4ter auf die Position im Evolutionsprozess. Auch der Gesichtswinkel wurde vermessen und ausgedeutet. Grunds\u00e4tzlich sind Rassenbegriffe, die von permanenten Qualit\u00e4ten ihrer Tr\u00e4ger ausgehen, mehr als rein somatische Beschreibungen, wie wir eben bei Linn\u00e9 gesehen haben: Explizit flie\u00dfen kulturelle, moralische und \u00e4sthetische Wertungen mit ein. Beginnend mit dem Aufkl\u00e4rer Voltaire (1694-1778), der den \u201eNeger\u201c nicht als Ebenbild Gottes akzeptieren konnte, \u00fcber die US-amerikanischen Verfechter der Sklaverei als gott- und naturgewollt bis hin zu den Rassisten unserer Tage kann man die Linie ziehen, die da behauptet: \u201eNeger\u201c haben ein kleines Hirn, ihr Gesichtswinkel ist dem Affen n\u00e4her als dem Idealbild des antiken Griechen, sie sind zu h\u00f6herer Kulturleistung nicht f\u00e4hig und eben \u201eWilde\u201c, d.h. auch moralisch nicht auf der H\u00f6he einer \u201eHerrenrasse\u201c. Quelle: Uwe Makino, Wem geh\u00f6ren die Ainu-Gebeine? Wozu wurden Sch\u00e4del- und Gebeinsammlungen angelegt? Ein Blick in die Forschungs- und Ideologiegeschichte; In: OAG Notizen, Tokyo Juni 2018, S. 10 \u2013 37.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/blog.rechte-der-natur.de\/#_ftnref4\">[4]<\/a>&nbsp;Rutschig: \u201eIn der dritten Antinomie erl\u00e4utert Kant den Widerspruch von Kausalit\u00e4t nach Gesetzen der Natur und Kausalit\u00e4t aus Freiheit. Nach Kant hat alles entweder einen Preis oder eine W\u00fcrde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann etwas anderes als \u00c4quivalent gesetzt werden. Was hingegen \u00fcber allen Preis erhaben ist, und mithin kein \u00c4quivalent haben kann, das hat W\u00fcrde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/blog.rechte-der-natur.de\/#_ftnref5\">[5]<\/a>&nbsp;Seit 1970 verschwanden rund 60 Prozent aller S\u00e4ugetiere, V\u00f6gel, Fische und Reptilien von der Erde. Quelle: WWF, \u201eLiving Planet Report\u201c WWF.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Buchempfehlung: Die Befreiung der Natur, Zum Verh\u00e4ltnis von Natur und Freiheit bei Herbert Marcuse, Ulrich Ruschig, ISBN&nbsp; 9783 89438 7419<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann aus vielen Gr\u00fcnden zu dem Ergebnis kommen, dass wir unsere Beziehung zur Natur neu denken m\u00fcssen. 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