Nur Leben ist Reichtum

Blog Christine Ax
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Unsere Pflichten gegenüber anderen Menschen und uns selber

Fleisch. Haben Sie schon einmal beobachtet, wie elektrisierend der Anblick einer Fleischerei auf die meisten Menschen wirkt. Ich beobachte es täglich. Denn unsere Kunstgalerie liegt genau gegenüber der Fleischerei.

Die Besucher unserer kleinen Stadt betreten die einzige Fußgängerstrasse auf der „Fleischseite“ Sobald sie die Fleischerei sehen, zieht es sie magisch dorthin. Das trifft zugegebener Maßen nicht auf alle zu. Ein kleiner Teil – vor allem Frauen – zieht es mit der gleichen Gewalt zum Honigladen gegenüber – neben uns.

Erst am späten Nachmittag, wenn die Besucher satt und müde sind, das Geld ausgegeben, alle primären Bedürfnisse befriedigt und der Schritt verlangsamt ist, werfen sie einen kurzen Blick auf unser eher geistiges Angebot: Eine Ausstellung mit Ölgemälden eines norddeutschen Künstlers.

Dieser Befund ist für eine Wissenschaftlerin, die sich seit Jahrzehnten mit der Frage beschäftigt, wie wir die Welt vor dem Klimawandel und Naturzerstörung retten können, sehr frustrierend. Aber keineswegs neu oder überraschend. Es zeigt nur, wo unsere Kultur nach wie vor steht. Es ist das Kleinhirn, dass uns steuert. Maslows Bedürfnispyramide ist nach oben offen. Aber die meisten bleiben schaffen es nicht, sich auf dieser Bedürfnispyramide noch oben zu arbeiten. Die Antwort ist daher immer die dieselbe: Möglichst viel von allem und das so billig wie möglich. Und an erster Stelle steht das Fleisch.

Die Sackgasse in der wir uns befinden, ist nicht nur die Folge, sondern auch die Ursachen unseres historischen Demokratieversagens. Die Politik und das Bildungswesen haben das Volk jahrzehntelang zur Unmündigkeit und für den Konsum erzogen. Ihr Lohn für dieses schmutzige Geschäft: Machterhalt und die Gewissheit ungestört tun und lassen zu dürfen, was man will. Mal mehr, mal weniger altruistisch.

Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass es gelingen wird, den Klimawandel aufzuhalten oder das Erreichen der Kipppunkte zu vermeiden. Denn wenn schon eine solch reiche Gesellschaft wie die unsere nicht bereit ist, die Veränderungen anzugehen, die dafür erforderlich sind und blind und dumm an ihrem Recht auf Konsum festhält, warum sollten es dann andere, ärmere Nationen besser machen?

Die Stimmung in Deutschland würde ich derzeit wie folgt beschreiben: Die meisten Menschen wollen, dass alles so bleibt wie es ist. Das absurde daran ist, dass genau das völlig unmöglich ist. Denn der Klimawandel verändert alles. Und zwar radikal. Um diese radikalen Veränderungen – wir sprechen über die größte nur denkbare Katastrophe für alles Leben – zu verhindern – brauchen wir radikale Veränderungen.

Dass der Handlungsdruck so groß ist, liegt daran, dass die Politik sich seit Jahrzehnten darum gedrückt hat, ihren Wählern diese Wahrheit zuzumuten. Denn sie will ja wieder gewählt werden. Und das Volk möchte keine Veränderung sondern konsumieren. Und es findet vor allem: Es hat ein Recht darauf.

Wir – das Volk – fordern von der Politik, dass diese unser Recht auf Konsum garantiert und dass sie sicherstellt, dass wir auch in Zukunft alles genauso billig bekommen wie heute. Denn nur billig erlaubt es der Mehrheit der Bürger ihren Lebensstandard aufrechtzuerhalten.

Diese Demokratie hat einen Menschenschlag gezüchtet, der nur Rechte hat aber keine Pflichten gegenüber anderen Menschen und künftigen Generationen. Der „normale“ Deutsche findet, dass er ein Recht auf ein Auto hat und auf billiges Benzin. Und dass er – der kleine Mann und immer öfter auch SUV-Fahrer – ein Recht darauf hat, dass die Politik ihn davon frei hält, dass er sein Leben ändern muss und dass er selber auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten muss. Angesichts der Bereitwilligkeit mit der sich „die Deutschen“ dem Corona-Regime unterwarfen, um eine in der Regel ungefährliche Erkrankung nicht zu erleiden, ist die Gleichgültigkeit ja Unverschämtheit, mit der „der Deutsche“ glaubt, ein Recht auf ein „weiter so zu haben“ infam. Mein Ekel gegenüber dem „kleinen Mann“, den diese Erkenntnis auslöst, ist nahezu unerträglich und wird nur noch von meiner Wut auf die Politiker, die davon seit Jahrzehnten profitieren ohne je Verantwortung übernehmen zu müssen, übertroffen.

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