Nur Leben ist Reichtum

Blog Christine Ax
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Schier ist ein Synonym von tot

Hier wurde aufgeräumt. Große Teile eines intakten Feuchtbiotopes, das unter Naturschutz steht, wurde aus einer Laune heraus niedergemacht. Es sah nicht schier genug aus.

Es sind die kleinen Attacken und Massacker, die in der Summe mit der Zeit den Tod der Natur bedeuten. Ihr Tod ist schleichend, das ist ein großes Problem.

Überall in Schleswig-Holstein werden jetzt wieder großflächig Lebensräume zerstört. Die Husumer berichtete kürz über das Absägen einer großen Eiche. Sie hatte das Pech in einem Meter Höhe knapp unter zwei Meter Umfang zu haben.

Die einschlägige Durchführungsverordnung für die Knickpflege legt derzeit fest: „Das Fällen von Überhältern (ein höchst technokratisches Wort für einen lebenden Baum) bis zu einem Stammumfang von zwei Metern gemessen in einem Meter Höhe über dem Erdboden ist zulässig, sofern in dem auf den Stock gesetzten Abschnitt mindestens ein Überhälter (Baum) je 40 bis 60 m Knicklänge erhalten bleibt. Ausgenommen hiervon sind Bäume, die auf der Grundlage der Biotopverordnung vom 22. Januar 2009 (GVOBl. Schl.-H. 3 – S. 48) in ihrer am 22. Februar 2009 geltenden Fassung als nachwachsende Überhälter stehen gelassen oder neu angepflanzt wurden,“

Wie lang braucht eine Eiche, bis sie so groß ist? Damit eine Eiche 70 cm Umfang hat, das entspricht ungefähr 2, 20 Umfang, muss sie 160 Jahre lang wachsen. Wie viele tausend Jahre Baumwachstum wurden also, erst in diesen Tagen, bei der Zerstörung eines kleinen, intakten Naturschutzgebietes, eines wichtigen Feuchtgebietes in wenigen Stunden vernichtet?

Was leisten Bäume für die Gesellschaft? Auf Bäume sind in Deutschland schätzungsweise 6.700 Tierarten auf Bäume und Wälder angewiesen. Bäume bieten Nistplätze, Nahrung, Lebensraum und Schutz für die unterschiedlichsten Tiere. Von kleinsten Insekten bis zu großen Raubtieren ist alles vertreten. Eine 150 jährige Buche zum Beispiel hat etwa 800.000 Blätter. Mit denen nimmt sie pro Tag bis zu 24 Kilogramm CO2 auf, so viel wie ein Kleinwagen im Durchschnitt auf 150 Kilometer in die Luft pustet. Außerdem filtert sie Schadstoffe aus der Luft: Bakterien, Pilzsporen und Staub. Sie produziert täglich rund 11.000 Liter Sauerstoff, das entspricht in etwa dem Tagesbedarf von 26 Menschen. Über ihre Blätter verdunstet sie täglich bis zu 500 Liter Wasser – das ist der Inhalt von etwa vier Badewannen.

In einer Zeit in der die Wissenschaft sehr ernsthaft darüber diskutiert, ob nur noch das Anpflanzen Milliarden neuer Bäume den Klimawandel auf ein dem Menschen zuträgliches Maß verhindert kann, gehen verantwortungslose Menschen jedes Frühjahr aufs neue in die Welt und machen großflächig Büsche und Bäume nieder. Sie können es heute ohne sich anzustrengen. Denn die zuständigen Bauhöfe haben in Maschinen und Geräte investiert. Die Steuermittel, die dafür verwendet wurden müssen sich natürlich auch „rechnen“. Für einen großen Bagger oder die modernen Baumfällgeräte ist es ganz einfach den Bäumen wortwörtlich den Hals abzudrehen. Zurück bleiben Baumstümpfe deren Anblick uns das Blut stocken lassen. Die betriebswirtschaftlichen Zwänge, die sich aus der Existenz dieser Maschinen ergeben, dürften keine kleine Rolle spielen.

Das Massacker an dem Feuchtgebiet in Schwabstedt, das uns kürzlich empört hat, fand wenige Tage vor dem Jahrestag des „Raumsauer Abkommens“ statt. Es ist vermutlich viel zu wenig bekannt, dass wir heute drei Mal so schnell wie früher wichtige Feuchtgebiete verlieren. 60 % aller Feuchtgebiete sind schon verschwunden.. sie schützen für Überflutung, sie tragen zur Wasserqualität bei, sie sind Lebensraum für zahllose Tiere und Pflanzen, Feuchtgebiete sind Kohlenstoffsenken und für den Klimaschutz unverzichtbar.

Wie kann es sein, dass wir heute in verantwortlichen Positionen Menschen haben, denen NICHTS davon bekannt ist. Die keine Sekunde zögern ihre Vorstellung von einer „schieren“ Landschaft umzusetzen? Denen die Möglichkeit gegeben wird, schwere Geräte in Bewegung zu setzen, um solche Verbrechen an der Natur zu begehen – und das in NATURSCHUTZGEBIETEN. Menschen die sich Bürgermeister nennen und die NICHT WISSEN, welche Flächen in ihren Gemeinden aus gutem Grund unter Schutz stehen?

Kann es sein, dass im ländlichen Raum mehr Menschen als in der Stadt blind sind, für diese Verbrechen an der Natur? Obwohl man doch hoffen müsste, dass das Gegenteil der Fall ist. Dass hier vor allem Menschen leben, die die Natur lieben und schützen?

Wer im Zusammenhang mit Natur den Begriff „schier“ verwendet, oder wem beim Anblick von naturbelassenen Flächen nur der Gedanke durch den Kopf geht, wie hässlich das aussieht, und dass man doch endlich Ordnung schaffen muss, damit es danach so richtig schön schier aussieht, hat offensichtlich nicht verstanden, dass „schier“ nur eine anderes Wort für „tot“ ist und dass eine schiere Natur am Ende den Tod der Menschheit mit sich bringen wird.

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