Nur Leben ist Reichtum

Blog Christine Ax
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Von Corona lernen.

Vorab auch schon dies: Mir scheint, es ist  in Ordnung (wenn nicht sogar notwendig) Fehler zu machen und zu Scheitern. Was nicht erlaubt ist: kritikloses nicht denken; nicht aus Problemen, Fehlern und Scheitern zu lernen und das dumpfe weiter so. Aus Bequemlichkeit der Herzen und des Denkens. Denn es geht darum diese Corona-Krise in einen historischen Kontext stellen und eine rationale Risikobewertung betreiben. Denn bei Licht betrachtet, gibt es ein grobes Missverhältnis, zwischen den Gefahren, die von COVID 19 ausgehen und anderen weit lebensbedrohlicheren Risiken, die wir als Gesellschaft schon viel zu lange ignorieren oder als Privatpersonen billigenden in Kauf nehmen. 

Heute Morgen wurden die Ergebnisse der Autopsien veröffentlicht, die an Corona-Opfern gemacht wurden. Die 100 Corona-Toten die untersucht wurden, waren alle über 80 Jahre alt und hatten sehr schwere Vorerkrankungen (Raucherlunge, Krebs, sehr hoher Blutdruck, schwere Herzleiden). Sie würden noch leben, wenn sie nicht an COVID 19 erkrankt wären. Doch um welchen Preis.

Und ich kann nicht anders als festzustellen: Irgendwann und an irgendetwas müssen werden wir alle früher oder später sterben. Krankheiten aller Art gehören zu den normalen Lebensrisiken. Und die meisten von uns gehen freiwillig täglich vielfältige Risiken ein, die ihr Leben verkürzen könnten.

Wir müssen auch die Fragen zulassen: „Wie weit darf der Staat in mein Leben eingreifen, um mich vor Krankheiten und Tod zu schützen?“ Und wie gravierend muss das Risiko sein, damit er so weitgehend in mein Leben eingreifen darf,  als Privatperson und als Bürger.

Ganz besonders augenfällig ist – in Corona-Zeiten – wie zynisch die Welt ist und wie sehr sie mit verschiedenerlei Maß misst. Denn der Schutz des Lebens hatte vor Corona keineswegs die höchste Priorität. Und leider stimmt auch: Vor Corona sind keineswegs alle Menschen gleich. Auch wenn es dem Virus egal ist, wen er sich als Wirt aussucht.

Hätte der Schutz des Lebens (genau genommen des menschlichen Lebens) in unserer Gesellschaft höchste Priorität, dann hätten wir alle  uns schon lange ganz anders verhalten müssen.

Und welches Leben? Denn wenn ich von Leben spreche, dann meine ich nicht nur menschliches Leben. Denn der Mensch ist Leben inmitten von Leben, das leben will. Ignoriert er diese Tatsache, ist sein eigenes Leben in Gefahr.

Hätte der Schutz des Lebens vor Corona an erster Stelle gestanden, dann hätte viel passieren müssen.

35.000 Menschen sterben jedes Jahr an den von uns gezüchteten resistenten Keimen

Dazu gehören: Der entschiedene Kampf gegen den Missbrauch von Antibiotika. Wir züchten schon viel zu lange resistente Keime. In den Ställen der Massentierhaltung und im Krankenhaus.  35 000 Menschen sterben inzwischen jährlich an  so genannten Krankenhauskeimen.

War dies ein Anlass für radikale Maßnahmen? Ganz im Gegenteil: Das Gesundheitssystem wurde aus Kostengründen und in Folge von Privatisierungen krank gespart. der Profit gingen vor: In der Landwirtschaft und im Gesundheitswesen.

Umso erstaunlicher ist es, dass wir jetzt Billionen ausgeben, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Obwohl wir wissen, dass an COVID 19 tatsächlich fast nur Menschen sterben, die (in der Regel) sehr alt und in der Regel durch Vorerkrankungen stark geschwächt sind. Das mag sich zynisch anhören. Aber diejenigen, die jetzt so lustig rufen: „Jedes Leben zählt“ lügen uns frech ins Gesicht.

Weltweit verhungern Kinder und Menschen. Wir lassen zu, dass unendlich viel Geld in Aufrüstung geht, statt es für den Schutz von Menschenleben und der Natur einzusetzen. Und wir lassen zu, dass das Primat der Wirtschaft und des Profits weltweit Menschen und Leben massenhaft vernichtet. Denn es sind ja nicht „unsere Toten“ und ihr Tod wird nicht so gut in Szene gesetzt, wie das Sterben von Covid 19-Erkrankten in Norditalien.

Was ist mit den schleichenden, systemischen Pandemien? 

Und wenn wir bereit sind, diese Pandemie mit solch gigantischem Aufwand zu begrenzen, müssen wir dann nicht mit der gleichen Entschiedenheit gegen Krankheiten ankämpfen, die in ganz anderen Dimensionen unsere Gesundheit zerstören: Schlechte Lebensmittel, falsche Ernährung, Überarbeitung (Burn Out)  und der Mangel an Bewegung ? Warum wurde die Lebensmittelindustrie nicht gezwungen,  ihre Kunden auf die Gesundheitsgefahren hinzuweisen, die mit dem Verzehr ihrer Produkte verbunden sind?  So wie es auf Zigarettenschachteln der Fall ist?

Eine halbe Stunde Fahrradfahren täglich, würde ausreichen, damit wir die Bewegung haben, die wir brauchen, um die vielen Krankheiten zu vermeiden, die durch Mangel an Bewegung entstehen. Der Autoverkehr verursacht erhebliche Gesundheitskosten durch Feinstaub und Stickoxide.

Wurden deswegen unsere Fahrradwege so ausgebaut, dass Fahrradfahren Spaß macht? Wurde das Fahrrad auch noch annähernd so intensiv gefördert, wie die ungesunde Automobilindustrie?

Natürlich nicht. Und CORONA wird daran nichts ändert.

Ganz im Gegenteil. Kaufprämien für Autos erinnern fatal an die Abwrackprämie. Und das Tragen von Masken macht den ÖPNV noch unattraktiver. All die Ängste, die uns jetzt vor körperliche Nähe antrainiert werden, werden die Präferenz zum Individualverkehr fördern. Trotz des Klimawandels.

Viel gefährlicher: Der Klimawandel

Seit 30 Jahren wissen wir, dass ein „weiter so“  einen Klimawandel zur Folge haben wird, der mit unendlich mehr Leid für einen großen Teil der Menschheit verbunden sein wird, als diese Pandemie.

Wenn jetzt die Wirtschaft schrumpft, könnte dies als Chance begriffen werden, um den Strukturwandel voranzutreiben, den der Klimaschutz erfordert. Doch die Politik setzt auf die V-Kurve: Das Bruttosozialprodukt soll so schnell wie möglich auf dem alten Niveau landen.

Das wäre aber für uns alle nur dann ein Segen, wenn alle Investitionen und die Wirtschaft als Ganzes sich um ein Vielfaches „dematerialisiert“. Davon sind wir aber immer noch weit entfernt. Angesichts des hohen Prozessorverbrauchs, der mit unserem BIP noch immer einhergeht, ist jede Art von Wachstum ein systemisches Risiko.

Nicht nur COVID macht krank. Auch die Folgen des Shut-Downs und die Wirtschaftskrise werden Menschenleben kosten

Die Schulden, die jetzt aufgenommen werden, müssen abgezahlt und verdient werden. Das erzeugt noch mehr physischen und psychischen Druck in unseren Lebens- und Arbeitswelten. Psychische Erkrankungen als Folge von Überarbeitung, Ausgrenzung und schlechte Arbeitsbedingungen nehmen seit Jahren dramatisch zu und kommen uns alle teuer zu stehen.

Wir Nachhaltigkeits-Experten weisen schon lange darauf hin, dass ein tiefgreifender Wandel erforderlich ist. Der Schutz der Natur, des Klimas und des Umweltschutzes muss Vorrang bekommen. Und die Natur braucht Rechte, damit ihre Belange bei der Abwägung der Rechtsgüter endlich einen angemessenen Wert erhalten.

Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören u.a. der Verzicht auf Fleisch, der Übergang zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und nachhaltige Mobilität. Und müssen so lange sehr viel weniger Fliegen, wie mit Flugreisen gigantische C02-Emissionen verbunden sind.

Eingriff in Bürgerrechte nur nach rationalem Abwägen aller Risiken

Ein nüchterne Blick auf die Zahlen beweist,  dass die Wahrscheinlichkeit an COVID 19 zu sterben in Deutschland  vor allem im ländlichen Raum minimal ist.  Ungefähr in der Größenordnung eines Lottogewinns. Viel wahrscheinlicher, nein Gewiss hingegen, ist es dass die meisten von länger leben würden, wenn wir gesund leben würden.

Das Risiko an einer asiatischen Grippe zu erkranken und zu sterben ist ein seit Jahrzehnten akzeptiertes Risiko. In meinem persönlichen Umfeld kenne ich niemanden, der Corona hat oder hatte. Aber ich kenne mindestens vier, die im letzten halben Jahr – in Folge einer Grippe – an einer sehr schweren Lungenentzündung erkrankt waren.  Alkohol, Rauchen, Über-Ernährung, fehlende Bewegung, Chemikalien im Essen und in der Umwelt stehen bei den Todesursachen an erster Stelle. Nicht weniger gefährlich sind der Schmerz sozialer Ausgrenzung, sind Versagens-,  Abstiegsängste und Burn Out. Wer arm ist stirbt deshalb viele Jahre früher. Wer wohlhabend und/oder gebildet ist, lebt länger und ist gesünder.

Prof. Ortwin Renn, Autor des Buches „Das Risikoparadox“ und Direktor des IASS in Berlin ( https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/campus/talks/risiken-leben-campus-talks-renn-ortwin100.html  )  weist seit vielen Jahren darauf hin, dass wir  dazu neigen, Risiken falsch einzuschätzen. Wir überschätzen Risiken wie Terrorismus, Kriminalität, Autounfälle oder Fliegen.  Und wir unterschätzen die Risiken,  die uns tatsächlich umbringen oder unser Leben deutlich verkürzen (die echten „Volkskiller“, wie z.B. Rauchen, Alkohol, schlechte Ernährung und Bewegungsmangel), obwohl es genau diese Faktoren sind, auf die wir sofort persönlich Einfluss haben.

Vor allem aber unterschätzen wir „systemischen“  Risiken, weil sie so schleichend daherkommen, dass wir sie (trotz aller Warnungen der Wissenschaft) nicht wahrnehmen wollen.

Dazu gehören vor allem der Klimawandel und der Artenverlust. Aber auch die Risiken von Finanzkrisen, wachsender soziale Ungleichheit und natürlich Pandemien. Umso gefährlicher ist es, dass die Corona-Krise von Interessengruppen der Industrie oder Agrarlobby als Chance wahrgenommen wird, um ihr gefährliches „Weiter  so“ durchzufechten.

Der „Prophezeiungsforscher“ Banzon Brock sagte dazu jüngst im Deutschlandfunk: „Wer als Politiker mit all diesen Problemdimensionen und Möglichkeiten nicht rechnet, ist kein guter Entscheider und Politiker sondern ein Vabanque-Spieler, der rücksichtslos mit dem Leben und Glück der Menschen spielt, die ihn wählen um seine persönlichen Interessen durchzusetzen oder die der Gruppen, die er vertritt.“

Auch die politischen Folgen sind dramatisch und gefährlich. Denn absurder Weise  steigen die Beliebtheitswerte von Personen und Parteien, die seit Jahrzehnten die oben erwähnten Verhältnisse verursacht, zugelassen oder gefördert  haben.

Was solle wir lernen? 

Was müssen wir aus diese COVID-19 Krise lernen? Wie soll die POST- COVID-19 Welt aussehen? S

Wollen wir tatsächlich, dass der Schutz jedes einzelnen Lebens und die Gesundheit tatsächlich an erster Stelle stehen?

Es wäre in der Tat möglich das Grundgesetz in diesem Sinne zu deuten. Wem es damit ernst ist, der muss allerdings auch zur Kenntnis nehmen, dass der Schutz der Würde des Menschen, nicht an Grenzen Halt macht. Und dass nicht nur Deutsche BürgerInnen Menschen sind, sondern alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Alter und Geschlecht.

Rational mit allen Risiken umgehen und Risiken gegeneinander abwägen

Das Beste was ich persönlich dieser Krise abgewinnen kann ist, dass wir das durchaus wahrscheinliche Risiko „Pandemie“  geübt haben und wissen wie es geht. Alle Werkzeuge zur Bekämpfung einer Pandemie, die jetzt entwickelt werden, werden dann eines Tages viel mehr Leben retten als heute. Denn so wie die Dinge sich entwickeln war und ist die Freisetzung eines echten Killervirus stets möglich.

Corona ist also ein gute Übung. Aber  wir dürfen nicht im Panikmodus verharren und sollten so schnell wie möglich, in den Normalzustand zurückfinden.

Bis dahin könnte die Zeit genutzt werden,  Kinder und Jugendliche darüber aufzuklären, was unsere Gesundheit und Zukunft am meisten bedroht. Und wir sollten darüber nachdenken, wie eine Zukunft aussehen kann, die allen Menschen ein langes und glückliches Leben ermöglicht.

Wir sollten von dem, was an der Corona-Zeit gut ist, in die Normalität hinüberretten: Entschleunigung (sehr gesund!), einen Mundschutz tragen, wenn wir erkältet sind, und ein wenig Distanz und Entschleunigung an den Supermarktkassen ist immer gut. Das gilt auch für den notwendigen Respekt für alle, die im Gesundheitswesen arbeiten und die für unser Leben so wichtig sind. Sie müssen deutlich mehr Anerkennung erhalten – auch finanziell.

Da wir gelernt haben, dass die meisten Menschen bereit sind, auch gravierende Eingriffe in den Alltag mitzutragen, wenn sie  die Notwendigkeit verstanden haben, öffnet das auch ein Fenster für mehr Klimaschutz.  Wir müssen nicht mehr so ängstlich sein, diese Themen anzusprechen.

Was können wir in Nordfriesland daraus lernen?

Wir müssen die echten bedrohlichen systemischen Risiken wie den Klimawandel und Artenschutz, soziale Ungleichheit und die Konzentration von Vermögen, Ausbeutung und Übernutzung von Ressourcen endlich in seiner ganzen Tragweite und mit seinem ganzen Risikopotential richtig einschätzen und darstellen (kommunizieren).

Dies alles verlangt von uns einen Werte- und Verhaltens-Wandel in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung, Konsum und Mobilität. Wir sollten mehr Fahrrad fahren, den ÖPNV ausbauen, unseren ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich halten, gesund essen, viel bewegen, nicht rauchen und  – das fällt sehr vielen sehr schwer – möglichst wenig oder keinen Alkohol trinken.

Und wir Senioren sollten uns gegen Grippe impfen lassen und andere sinnvolle Maßnahmen der Gesundheitsvorsorge ernster nehmen. Aber wir müssen auch akzeptieren, dass wir sterben werden. Am wahrscheinlichsten an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, an Krebs, an einem Krankenhauskeim oder an den Folgen von Diabetes, an Demenz oder den Folgen einer Grippe. Manches davon können wir durch einen gesunden Lebenswandel vielleicht hinauszögern.  Aber nur vielleicht. Das Leben ist stets voller Risiken.

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