Handwerk

.. ist wie das  Wasser. Es lässt sich nicht reglementieren, man kann es nicht einhegen und zu seinem Besitz erklären. Es ist ein Teil von uns.dilettieren

„Allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Machen“

Anlässlich des Symposiums „Kunsthandwerk im Digitalen Zeitalter“ hat sich die Hamburger Kulturjournalistin  Isabelle Hofmann  über das Handwerk unter anderem folgende Gedanken gemacht:

“ Lange herrschte der Irrglaube, dass Handwerk keine geistige Tätigkeit sei. Eigentlich, seit Aristoteles in seiner „Metaphysik“, die Handwerker von den Künstlern unterschied und zu Handarbeitern ‚deklassierte’. Heute weiß man, dass das Unsinn ist. Kleist hat mal einen wunderbaren Aufsatz über die „Allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ geschrieben. Adäquat dazu gibt es auch eine „Allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Machen“. Dank der Hirnforschung wissen wir mittlerweile, dass Kopf und Hand untrennbar miteinander verbunden sind und dass unsere kognitiven Fähigkeiten durch ständiges Wiederholen wachsen. Bleibt auf Dauer das Üben von Handarbeit aus, hat das auch auf unser Gehirn massiv-negative Folgen. Und das ist im digitalen Zeitalter ein Problem, das immer mehr Wissenschaftler beschäftigt. Die Arbeit am Bildschirm, die Konstruktion von Dingen am Computer führt dazu, dass wir sie nicht mehr begreifen, dass eine Sinnlichkeit mit der Zeit verloren geht, die wahrscheinlich stärkere Auswirkungen auf unsere Kultur haben, als wir uns im Moment vorstellen können.“  

Dafür danke ich ihr. Denn die Zahl derjenigen, die über Handwerk theoretisieren ist klein genug.

Ich möchte diesem sehr berechtigten Aspekt noch die vortreffliche Beobachtung von Bloch hinzufügen, das es der Ton ist, den der Töpfer macht. Denn die sinnliche Auseinandersetzung mit der Welt ist nicht nur für die Menschwerdung im allgemeinen sondern auch für unsere eigene Menschwerdung im Besonderen entscheidend. Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit und die Bereitschaft uns auf die endlosen Mühen einer lebenslangen Auseinandersetzung mit dem von uns frei gewählten einzulassen, ist außerdem eine sichere Quelle für dauerhafte Zufriedenheit, ein gelingendes Leben.

So spannend die Maker-Szene ist, und so sehr sie uns in unseren Annahmen über die tiefen menschlichen Bedürfnisse und seine antropologischen Konstante (den homo faber in uns) bestätigt, so sehr liegt der Unterschied zwischen Lebenswegen, die auf persönliche Meisterschaft abzielen und der  „Maker“-Szene auf der Hand.

Digitalisierung frisst Handwerk – 10 Thesen

von Christine Ax

  1. Die alles entscheidende Frage ist nicht, welche Tätigkeiten im Handwerk digitalisierbar sind, sondern was von den alten Geschäftsmodellen, Alltagsroutinen, Konsumgewohnheiten, Produkten und Wertschöpfungsketten noch übrig sein wird, wenn die Digitalisierung ihren Siegeszug vollendet hat. Und: Wer oder was danach „Handwerk“?
  2. Die Geschäftsprozesse von Morgen sind überwiegend digital und internetbasiert. Die Start Ups und „Accelatoren“ der Internetszene, erfinden die Wirtschaft von Morgen. Das Handwerk ist derzeit weder Avantgarde, noch Teil dieser Bewegung, sondern wird immer mehr zu ihrem „Opfer“
  3. Die Digitalisierung schwächt die drei wichtigsten USPs des Handwerks:
    1. Unikate und kleine Serien, können von immer mehr Anbietern an jedem Ort der Welt hergestellt werden.
    2. Kundenindividuelle Lösung findet der Konsument inzwischen am einfachsten und schnellsten im Internet. Das Handwerk führt sie in Zukunft im Auftrag der Plattformbetreiber nur noch aus.
    3. Die Anbieter, die Big Data und das Internet der Dinge für sich zu nutzen wissen, umwerben die Konsumenten an jedem Ort der Welt und zwar ganz persönlich. Räumliche Nähe ist kein Wettbewerbsvorteil mehr.
  4. Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg ist immer öfter die „Position in der Nahrungskette“. Übernehmen die Internet-Geschäftsmodelle  die Systemführerschaft und Kontrolle über die Wertschöpfungskette, dann haben sie die Möglichkeit einen immer höheren Anteil an der Wertschöpfung abzuschöpfen.
  5. Die Infrastrukturdefizite der Peripherie sind auch deshalb ein Risiko fürs Handwerk, weil viele leistungsstarke Unternehmen bisher dort die besten Überlebenschancen hatten. Jetzt werden die Karten neu gemischt. Die urbanen Zentren sind kulturell hegemonial und sie produzieren die Trends. Sie eigenen sich „dörfliche Strukturen“ an. Und selbst dort, wo der Zugang zum Internet sehr gut ist, wird es für die Peripherie schwerer technologisch und kulturell anschlussfähig zu bleiben.
  6. Die Digitalisierung ist theoretisch zwar in der Lage die Peripherie zu stärken – weil sie dezentrale Wertschöpfung erleichtert. Praktisch werden diese „Schätze“ aber nicht gehoben, denn die Innovationsgeschwindigkeit in den Städten ist hoch, der Brain-Drain in die Zentren trägt dazu bei, dass das Handwerk intellektuell ausblutet. Außerdem ist die Peripherie gegenwärtig noch zu saturiert, „denkt“ und handelt zu langsam.
  7. Das Handwerk innoviert nicht schnell genug, weil die breite Masse der Handwerksbetriebe kulturell und mental den Anschluss an die kreativen Klasse und an die Megatrends der Gesellschaft und die Digitalisierung verloren hat. Die Innovationsgeschwindigkeiten passen nicht mehr zusammen. Derzeit wird das Handwerk vor allem von außen neu erfunden. Der Trend zum Selbermachen und zum „flow“, die Open Source Bewegung, die Makerszene, New Craft Urban Farming, Kollaborative Geschäftsmodelle, produzierende Designer, Quereinsteiger die craft-beer brauen, die vielen kleinen Manufakturen in den urbanen Zentren sind die „Arts- and Crafts-Bewegung“ von heute. Sie sind die Trendsetter, die in vielen Bereichen zeigen, wohin sich die Gesellschaft bewegt
  8. Der Digitale Gap ist vor allem ein mentaler Gap. Das Bild vom Handwerk und seine Rolle in der Wirtschaft und Gesellschaft müssen radikaler gedacht und formuliert werden. Weniger Beliebigkeit – mehr Selbstbewußtsein und eigene Werte.  Erforderlich sind: Weniger Selbstzufriedenheit, schonungslose Selbstkritik (auch der Organisation),  Innovation und Kooperation. Bessere Ausbildung. Das Handwerk muss raus aus der Komfortzone, die sich niemand mehr leisten kann. Heilige Kühe kann es sich nicht mehr leisten. Es geht jetzt darum, die technische, die geistige und die unternehmerische Avantgarde des Handwerks zu fördern und zu stärken.
  9. Nachhaltigkeit wird wichtiger. Ethischer Konsum wird wichtiger. Analog ist das Bio von Morgen und das bleibt so – auch im Internet..
  10. Zukunft gestalten heißt, Risiken in Chancen zu verwandeln. Das Handwerk sollte sich öffnen: Der Wissenschaft, der Social Entrepreneurbewegung, der jungen digitalen Gründerszene, den Nachhaltigkeitsbewegung, den Menschen in seiner Umgebung. Möglicherweise muss man das Handwerk aus dem zu eng gewordenen Korsett der Handwerksordnung befreien, um es zu retten.

 

Handmade: Die große Internetmaschine kann immer mehr. 

Handwerk – oder vielleicht sollten wir in manchen Fällen auch von „Handarbeiten“ sprechen – ist ja inzwischen sehr in Mode. Im Internet blühen inzwischen tausende von Blumen (shops) auf denen Künstler-Handwerker,  Kunsthandwerker, HobbyhandwerkerInnen ihre Produkte anbieten. Nach etsyauf dem man all dies kaufen kann, hat nun Amazon mit Amazon Handmade  nachgezogen. Dies wirft für Amazon Handmade und seine Nutzer natürlich sofort die Frage auf, was „Handmade“ ist – und eben keine Industriewaren. Hierauf gibt Amazon derzeit folgende Antwort:

According to Amazon:

All products available in your Handmade at Amazon store must be made entirely by hand, hand-altered, or hand assembled (not from a kit). Products must be handmade by you (the artisan), by one of your employees (if your company has 20 or fewer employees), or a member of your collective with less than 100 people. Mass-Product products or products handmade by a different artisan are not eligible to sell in Handmade.

Alle Produkte die im Handmade Amazon Store angeboten werden müssen vollständig von Hand hergestellt sein, oder von Hand zusammengebaut (nicht aus einem fertigen Bausatz). Die Produkte müssen entweder von Ihnen  (dem Handwerker/Künstler), oder von einem ihrer Mitarbeiter von Hand gemacht werden, sofern ihr Unternehmen weniger als 20 Mitarbeitern hat oder Sie Mitglied eines Kollektivs sind, das aus weniger als 100 Menschen besteht. Produkte aus der Massenproduktion oder Produkte, die von einem anderen Handwerker/Künstler hergestellt wurden dürfen nicht als „Handmade“ verkauft werden.

Spannend allerdings ist auch folgende Entwicklung: Mit etsy.manufacturing  geht die Internetmaschine noch einen Schritt weiter: Auf dieser Plattform finden auch die einen Hersteller, die eine Idee haben, aber keine Ahnung, wie sie sie materialisieren könnten oder bei denen die Kapazitäten nicht ausreichen, um die Stückzahlen herzustellen, die verkaufbar sind.