Japan schrumpft so lebenslustig und elegant wie möglich.

Tokyo im Mai 2018. 2014 habe ich Japan drei Wochen besucht. Der zweite Besuch war deutlich länger. Fast drei Monate Tokyo sind anstrengend und interessant. Anders als 2014 war ich von der Exotik dieser Stadt, dieser Kultur zwar immer noch fasziniert, aber sie dominierte nicht alles. Man schaut genauer hin. Hört mehr Stimmen. Das Bild wird differenzierter. Japan ist ein wenig wie eine russische Puppe. Du öffnest die Erste Puppe und stellst fest, dass sich im Inneren noch eine Puppe befindet. Am Ende hast Du eine ganze Batterie von Puppen und Püppchen vor Dir stehen.

Jede Einzelne sieht ein wenig anders aus. Same, same. But not the same.

Die Widersprüche nehmen zu. Da wäre z.b. die Frage nach den Überstunden in Japan. Alle wissen: Die vielen Überstunden sind einer der Hauptursachen für die miserable Work-Life-Balance und sie sind mit Schuld daran, dass Japan so wenig Nachwuchs hat.

Andererseits: Wenn man Abends durch Tokyo spaziert – vor allem in den populären Stadtteilen – wimmelt es von fröhlich aussehenden Menschen fast aller Altersgruppen. Gelegenheiten Kinder zu machen, gibt es hier zu Hauf. Dafür spricht auch: Die Abtreibungszahlen in Japan sind seit Jahrzehnten vergleichsweise hoch.

Da fällt es schwer zu glauben, dass wir es ausschließlich mit dem vom Chef befohlenen After-Work-Trinken zu  tun hat. Irgendwie sehen dabei nämlich alle so zufrieden aus.

Dass Japanerinnen alle 16 Stunden am Tag hart arbeiten, halten vor allem Europäer für eine Mär. Die  Unternehmer und Führungskräfte, die ich gesprochen habe, sehen das anders: Erstens fangen JapanerInn spät an. Zweitens arbeiten sie nur die halbe Zeit. Was sie die restliche Zeit machen, scheint ein gut gehütetes Geheimnis zu sein. Und Drittens werden sie erst richtig fleißig, wenn die offizielle Arbeitszeit vorbei ist. Denn dann beginnen die Überstunden, und die werden (nicht immer) gut bezahlt.

Weitere Stimmen dazu: Die Wohnungen sind so klein, was sollen die auch zu Hause? Die meisten jüngeren Japanerinnen (und immer öfter auch die Älteren) sind Single und viele wohnen noch zu Hause. Und außerdem ist man als JapanerIn Gruppenmensch (von klein auf) und auf keinen Fall Einzelgänger.

Tatsache ist auch: Nirgendwo habe ich so viele Menschen in der U-Bahn schlafen gesehen.

Japan alter und schrumpft mehr als andere Nationen. Das ist nachgewiesen. Aber das geschieht- zumindest in den Metropolen –  mit großer Eleganz. Verglichen mit Japan sieht Deutschland gerade zu alt aus. Die Jugendlichkeit triumphiert. Vielleicht, weil die, denen man das Alter ansieht oder denen es schlecht geht, aus Prinzip zu Hause bleiben? Oder sind sie alle in Altersheimen, kaserniert oder aufs Land gezogen? Das gibt Rätsel auf.

Tokyo sieht fast überall freundlich und sauber und immer europäischer aus. Das gilt auch für die Straßen, den öffentlichen Nahverkehr, alle öffentlichen Einrichtungen. Selbst die Toiletten sind – verglichen mit Deutschland – hell, freundlich und sauber. Immer wieder drängt sich der Vergleich mit den vielen versifften, verdreckten Stadtteilen und Zügen in Deutschland auf.

Das alles hindert die Medien nicht daran, Japans Niedergang zu besingen. Und ich gestehe: Auch ich habe dieses Klischee bedient. Frei nach dem Motto: Weil nicht sein darf, was nicht sein kann. Und tatsächlich gibt Japan aus wachstumstheoretischer Sicht Rätsel auf. Denn die Billionen, die derzeit von der Regierung in die Infrastruktur und für Olympia 2020 investiert werden, müssen irgendwann verdient werden. Und mit immer weniger Menschen genau so viel zu konsumieren wie vorher und gleichzeitig einen immer noch wachsenden Schuldenberg abzutragen, gilt gemeinhin als große Kunst.

Mag sein, dass der Niedergang programmiert ist und das dicke Ende noch kommt. Der Diskurs um Japan „beyond Olympics 2020“ ist voll entbrannt und liefert genügend Stoff für die nächsten Krisenszenarien.

Doch wen immer man fragt. Fast immer ist auch das zu hören: Nirgendwo lebt man angenehmer und sicherer als in Tokyo. Die Lebensqualität ist außergewöhnlich hoch. Es ist ruhig es sauber, es ist sicherer als überall anders auf der Welt und das Essen ist ganz wunderbar.

In diesem Zusammenhang außerdem wenig beachtet: Der GINI-Koeffzient in Japan ist ungewöhnlich gut. Will sagen: Die Einkommensunterschiede sind geringer als in den meisten anderen Regionen dieser Welt. Die Homogenität der Kultur und Japans Weigerung ein Zuwanderungsland zu werden, ist sowohl extrem riskant als auch ertragreich. Nirgendwo lebt man sicherer als hier.

Erstmals ist die demografische Katastrophe jedenfalls abgesagt. Japan boomt und ist jünger und dynamischer und lebenslustiger denn je.

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.