Mein Held war Willy Brandt. Persönliche Anmerkungen zum Tod von Helmut Schmidt.

Helmut Schmidt wohnte in Hamburg Langenhorn. Sein Haus steht nur wenige Straßen von meinem entfernt. Es hat mich dennoch nie interessiert, wo genau. Dieser Mann war mir ebenso nah wie fern, fremd wie vertraut. Helmut Schmidt war der Held meines Vaters. Beide waren Kriegsversehrte, traumatisiert. Eine Kindheit und Jugend, die gekennzeichnet war von autoritären Strukturen, Terror, Not und Notwendigkeiten. Sie gehörten einer Generation an, die ihre Träume nicht leben durfte. Dafür war nicht die Zeit und keine Gelegenheit. Sie waren pragmatisch, nüchtern, sachlich bis zur Selbstverletzung. Pflicht zählte. Leistung ging über alles. Ein Leben für die Arbeit. H. Schmidt war geprägt von der Anstrengung des Überlebens. Lebenskunst kam später.

Schmidt war nie mein Held. Er war mir stets nur das kleinere Übel. Sein Einfluss auf die deutsche Politik und auf die Sozialdemokratie war mir zu groß. Mein Held hieß Willy Brandt. Der Frauenheld. Der Charmeur. Der Träumer. Der Visionär. Der das Unmögliche versuchte und nicht erreichte. Aber er hat es wenigstens versucht und fast immer mehr erreicht, als  Realpolitiker es für möglich hielten. Brandt hat uns Babyboomer und „Alt-68er“, die wir heute mit unseren Enkeln gegen TIPP auf die Straße gehen, zu mehr Demokratie ermutigt, dazu, von einer besseren Welt und mehr Lebensqualität zu träumen. Brandt ging es nicht nur um Pflicht und Staatsraison, ihm ging es um Frieden, Solidarität, Menschlichkeit, Großherzigkeit, Verstehen. Er war ein Verführer, einer dem die Herzen zuflogen, weil er so menschlich war. Und auch zerbrechlich. Kein eiserner Kanzler.

Helmut Schmidt war für mich von gestern, weil er das Trauma des Krieges nicht hinter sich lassen konnte und niemals im Frieden ankam. Er war einer, der erfahrene Härten weitergab und er war keiner, der unter Visionen litt. Was daran gut sein soll, weiß ich bis heute nicht. Wenn man immer mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt, lernt man das Fliegen nicht. So viel ist sicher.

Realpolitik nennen viele das, was er zeitlebens propagierte. Es ist ein anderes Wort für TINA. Der Glaubenssatz unserer eisernen Kanzlerin: There is no alternative. Es ist das 11. Gebot: Du darfst nicht träumen. Du darfst keine Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt haben. Alles ist entschieden. Vergiss es.

Realpolitik bedeutete bisher immer auch: Der Sieg des Geldes über die Moral, die Unterordnung aller Werte unter die Ziele Wachstum und Arbeitsplätze. Die Herrschaft der Technokraten, die eh immer alles besser wissen als wir, das Volk. Keine Experimente wagen. Die Bank gewinnt immer. Er hat uns nicht erhoben. Er hat nicht die Sehnsucht nach dem Guten und der Ferne in uns gestärkt. Er hat uns Fesseln angelegt. Sein Credo: Mehr geht nicht.

Helmut Schmidt hat bis zuletzt die Agenda 2010 verteidigt, die nicht nur die Sozialdemokratie bis zur Unkenntlichkeit verändert hat, sondern auch Deutschland und Europa. Nichts hat Europa substanziell mehr gefährdet als Hartz IV und die deutsche Niedriglohnpolitik. Das hat der Volkswirt und überzeugte Europäer zeitlebens übersehen.

Und ich höre seine Botschaft gegenwärtig auch als Grundtenor der Flüchtlingsdebatte. Realistisch bleiben. Bitte keine sozialen Utopien. Der Sieg der Angst und der Phantasielosigkeit. Gefangen im Gestern. Was gestern nicht ging, darf morgen auch nicht sein. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wir arrangieren uns auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Gibt es Bittereres? Ist es das, was wir unseren Kindern wünschen? Diesen Alptraum?

Und in der Sache: Wenn er der große alte Mann der deutschen Politik war, muss die Frage erlaubt sein, ob diese Politik wirklich erfolgreich war und im Kantischen Sinne (den Schmidt gerne bemühte) dem moralischen Imperativ genügte. Machen wir eine Politik, die alle und überall zur Grundlage ihres Handelns machen können? Wollen wir wirklich, dass die anderen uns das antun, was wir ihnen antun? Auch muss die Frage erlaubt sein, ob wir wirklich eine Demokratie sind. Oder wäre da nicht noch viel Luft nach oben?

Wir stehen heute in so vielen Bereichen mit dem Rücken an der Wand: Wenn wir die Klimaschutzziele und die SDGs in den nächsten 20 Jahren nicht erreichen, hinterlassen wir nachfolgenden Generationen das blanke Chaos. Wir brauchen eine neue Politik.  Eine Politik, die uns mit Augenmaß und Vernunft und Leidenschaft, Mitgefühl, Herz und Phantasie aus dem eisernen Korsett des „Weiter so“ und „Es geht nicht anders“ befreit. Die uns Mut macht, die schwierigen Aufgaben zu bewältigen, vor denen wir heute stehen, anstatt die Angst zu nähren. Was gestern nicht möglich war, kann morgen die Lösung sein. Wir brauchen viel mehr Experimente, soziale Phantasie und Politiker mit Visionen. Wir brauchen Politiker, die den Mut haben, auch disruptive Innovationen und Reformen anzugehen, die mit uns die Zukunft in die Hand nehmen und mutig gestalten.

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