Das Handwerk der Transformation


Nachhaltigkeitsorientierte Ökonomen (Volkswirte und Betriebswirte) beklagen als eine der Ursachen der ökologischen Krise die Naturvergessenheit der der ökonomischen Theoriebildung. Sie erkennen darin einen gravierenden Rationalitätsbruch. Denn es ist nicht rational die eigenen Voraussetzungen (Verfügbarkeit von Ressourcen[1]) zu zerstören und sich auf den Standpunkt zu verlassen, dass es der Markt zu richten wird.

Ressourcen, die Natur gingen bisher in die Wirtschaftstheorie nur als ein „Sack von Ressourcen“ ein, der immer zu Verfügung steht, und über den man sich nur dann Gedanken machen muss, wenn ein Mangel anhand steigender Preise erkennbar wird, was dann theoretisch über den Markt zu Anpassungsstrategien führt, z.B. technischer Fortschritt, Ersatz von Rohstoffen, Effizienzstrategien.

Es handelt sich um eine „instrumentelle Vernunft“, die sich für alle Ressourcen (auch den Menschen und seine Fähigkeiten) nur aus der Verwertungsperspektive interessiert bzw. diese als Produktionsfaktoren voraussetzt. Wenn aus dieser Perspektive die Natur als knappes Gut in den Fokus gerät und geschont wird, dann nur deshalb, weil es diesem Verwertungsprozess dient und die Maßnahmen, die ergriffen werden, auch die Schutzmaßnahmen, unterliegen dieser instrumentellen Vernunft. Die Natur hat keinen Eigenwert.

Diese Wahrnehmung der Natur als einen Sack von Ressourcen führt zu einem „weiter so“ solange die Folgen dieses Handelns sich nicht in ökonomischen Krisen niederschlagen. Die Kritik an diesem Naturverständnis und dem sich daraus ergebenen Naturverhältnis findet seinen politischsten Ausdruck in der Diskussion um Tierrechte, sie ist Gegenstand wirtschaftsethischer Diskurse und wurde in der Enzyklica Laudato Si[2] des Papstes zuletzt scharf verurteilt.

Die Anerkennen der Endlichkeit der Welt und der Begrenztheit der Ressourcen sowie die Erkenntnis, dass alles, was wir freisetzen früher oder später auch auf uns zurückkommt – hat in vielen anderen Diskursen und politischen Prozessen inzwischen zu einer Anerkennung von Grenzen (der Ressourcen, der Natur, der Senken) geführt und die Antwort sind Wirtschaftskonzepte, die sich als „Raumschiff-Wirtschaft“ beschreiben lassen.

Damit diese Grenzen nicht immer weiter überschritten werden, werden Grenzen (des Verbrauchs, der Belastung) definiert, die in Zukunft eingehalten werden sollen. Für die CO2 Problematik hat sich die Weltgemeinschaft erstmals auf einen Grenzwert geeinigt, der einhalten werden soll. Damit ist die Atmosphäre das erste Umweltmedium, das von als gemeinsames Erbe der Menschheit, also als eine Art Commons, unter ein gemeinsames Regime gestellt wird.

Auch für den Ressourcenverbrauch (Wasser, Land, Meere, Rohstoffe) sind globale Ziele im Gespräch, z.B. indem der Ressourcenverbrauch auf das Niveau von 1970 (SERI) oder auf das Niveau des Jahres 2000[3] (Wuppertal-Institut) begrenzt werden soll. Dies erfordert das Absenken des Pro-Kopf-Verbrauchs an Ressourcen bis 2050 auf 10t TMCabiot pro Jahr. Dies entspricht einer jährlichen Reduktion von 2% pro Jahr.

Ein weiterer Zugang, mit der Natur umzugehen und ein Weg, der ggf. dazu geeignet ist, substantielle Lösungsansätze für die Erreichen der oben genannten Ziele zu liefern, ist es, von der Natur zu lernen. Im Vordergrund dieser Lernprozesse stehen Material- und Energieeffizienz, die evolutionäre Erprobtheit, Robustheit, Abbaubarkeit von Stoffen und eine Orientierung an der stofflichen Vielfalt der Natur sowie an den vielfältigen multifunktionalen Strukturen und Organisationsprinzipien[4]. Solche von Vertretern der industrial economy, Bionik oder Biomimikri verfolgten Modelle verbinden zwei Sichtweisen: Die Beschreibung und Wahrnehmung der heutigen ökonomisch-technischen Industriesysteme als lebendiges Ökosystem und das System Natur als Vorbild oder zumindest Anregung, um die Wirtschaft naturverträglich zu organisieren.

Die nachfolgende Tabelle von R. Isenmann[5] fasst diese Zugänge zum Umgang mit Natur wie folgt zusammen:

  Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4
Naturverständnis Natur als Objekt Natur als Grenze Natur als Vorbild Natur als Partner
Naturverhältnis Nutzung der Natur Schonung der Natur Natur als Grenze Natur als Vorbild Natur als Partner
Erkenntnisinteresse
an der Natur
Eingriff in die Natur Schutz der Natur Respekt vor der Natur Lernen von der Natur Koevolution mit der Natur
Beziehung Mensch-Natur Herrschaft Pflegschaft Begegnung Partner-schaft
 
Umwelt-ökonomischer Ansatz (VWL) Neoklassische Umwelt- Ressourcenpolitik Raumschiff Wirtschaft Industrial Ecology Bio-Ökonomie
Umwelt-management-konzept (BWL) Faktor-theoretisches Konzept System-theoretisches Konzept Sozial-ökologisches Konzept

 

Sehr weit verbreitet werden Effizienz, Konsistenz und Suffizienz als die drei wichtigsten strategischen Optionen diskutiert. Kontrovers ist die Diskussion darüber, in welchem Umfang jeder Einzelne dieser Strategien bereits DIE Lösung ist und welchen Mix wir brauchen, um das Ziel der Nachhaltigkeit zu erreichen. Die Gutachterin geht mit Göllinger[6] davon aus, dass es eines Strategie- und Instrumentenmixes bedarf, um echte Nachhaltigkeit zu erreichen und dass es in die Irre führt, wenn Protagonisten dieser Optionen ihre Strategie für „Alleinseeligmachend“ erklären bzw. gegen die anderen Strategien in Stellung bringen.

Effizienzstrategien alleine werden nicht ausreichen, weil die Vergangenheit bewiesen hat, dass die Effizienzgewinne von Reboundeffekten vernichtet oder überkompensiert wurden. Die möglichen und notwendigen Konsistenzstrategien, die auch deutliche Entlastungen bringen, haben in der Vergangenheit ebenfalls Rebound-Effekte ausgelöst. Daher sind Suffizienz-Strategien ein unverzichtbarer Baustein integrierter Nachhaltigkeits-Strategien.

„Naturferne“ ist aber nicht nur ein Thema in den Wirtschaftswissenschaften, sondern auch in vielen anderen Wissenschaften und gesellschaftlichen Bereichen.

Die Urbanisierung, das Internet und die Digitalisierung fördern immer natur- und wirklichkeitsfernere Lebensstile. In der industrialisierten Landwirtschaft dominieren Monokulturen[7] und die Tiere verschwinden hinter Mauern. Naturnahe oder unberührte Natur gibt es noch – zumal in Naturschutzgebieten, wo sie vor den Menschen so effektiv geschützt wird (werden muss), dass sie normalerweise nicht mehr erfahrbar ist. Einzig im Fernsehen und auf der Leinwand ist sind Fauna und Flora ohne hohen Aufwand aus der Nähe zu sehen.[8]

Handwerkskultur

Zuvor wurde das Nachhaltigkeitsproblem in den Kategorien Natur und Wirtschaft beschrieben. Die Beziehungen in denen diese zueinander stehen, die Dimension Kultur oder wichtige institutionelle Arrangements wie Geld und Eigentum wurden bisher nicht thematisiert. Kultur ist aber – im Sinne des kulturellen Vermögens – maßgeblich die Sphäre und entscheidet darüber welche Gestalt der Stoffwechsel mit der Natur annimmt. In der Sphäre der Kultur verbinden sich Arbeiten und Handeln (Hanna Arendt) und es entstehen Artefakte immer auch eine soziale und kommunikative Komponente haben, „geteilte Seele“ sind.

Bis zur Industrialisierung war das „alte Handwerk“ neben der Landwirtschaft und dem Verlagswesen und Handel „die Wirtschaft“ und Kunst war von Können (Techne) nicht zu trennen. Handwerk entnahm seine Rohstoffe, also Holz, Metall, Pflanzen, Tiere, Lehm und Steine, Fasern u.ä. der Natur und eine intime Kenntnis ihrer Eigenschaften und Herkunft war Teil der Ausbildung, der täglichen Praxis und der Handwerkskunst.

Stefan Rumpf beschreibt in seiner Dissertation „Zukunftsfähigkeit durch Handwerk? Strukturelle Voraussetzungen, Akzeptanz und Umsetzungsmöglichkeiten des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung im Handwerk“:[9]

„Das alte Handwerk, das lange Zeit in ein stabiles Muster der lokalen Ökonomie eingebettet war, hatte viele Vorteile, die in einem Konzept der nachhaltigen Regionalentwicklung wieder von hohen Wert sind: Überschaubarkeit, kleinräumige Wertschöpfungskreisläufe, das Wissen um die Arbeit mit der Natur, Vertrauen, geringe Eingriffstiefe in die Natur. Welche dieser Merkmale des „alten Handwerks“ könnten in einem Konzept einer nachhaltigen Regionalentwicklung wieder einen hohen Stellenwert erhalten?“

Und fasst die Merkmale des „alten Handwerks“ wie folgt zusammen:

  • großes Wissen um Materialien, natürlichen Standortbedingungen, Produkte und Produktionsweisen;
  • Qualitätsdenken hat einen hohen Stellenwert;
  • Produktion ist „gesellschaftliche Produktion“, d.h. sie ist gebrauchswertorientiert und reflektiert soziale Verhältnisse;
  • Preisbildung erfolgt auch nach sozialen Kriterien;
  • Bedürfnisorientierung anstatt Produktorientierung; im Zentrum ökonomischen
  • Handelns stehen die Bedürfnisse der Gemeinschaft und nicht abstrakte, maximierungsökonomische Erfordernisse;
  • Produktionszyklen sind den natürlichen Zyklen (Wachstums- und Ruhephasen) angepasst;
  • Konzentration auf Nutzung lokaler Ressourcen;
  • diversifizierte Nutzung natürlicher Ressourcen;
  • Produktionstechnologie mit geringer Eingriffstiefe und geringem Risikopotential;
  • Wertschöpfungsketten werden kleinräumig geführt;
  • hohe Interdependenz von Handwerk und Landwirtschaft;
  • Prinzip der Gegenseitigkeit: Viele Güter und Dienstleistungen werden nicht über den Markt, sondern innerhalb des Systems gehandelt;
  • Unabhängigkeit von außen, von der Vorgaben einer kapitalistischen Geldwirtschaft und anonymen Märkten;
  • freier Zugang zu den Produktionsmitteln führt zur Möglichkeit der Selbstregulierung auf der Ebene des Alltagshandelns; hohe ökonomische Eigenmächtigkeit;
  • Verbindung von Arbeits- und Wohnstätte;
  • Werkstätte als Lebensmittelpunkt und Möglichkeit der Arbeitsfähigkeit im Alter;
  • Meisterfrauen mit gleichberechtigter beruflicher Funktion;
  • soziale Nähe und soziale Integration der Handwerker in die örtliche
  • Gemeinschaft;
  • besondere soziale Funktion der Handwerksstätten als soziale Treffpunkte;
  • gute Überschaubarkeit der ökonomischen Prozesse;
  • transparente von außen leicht einsehbare Fertigungsprozesse;
  • Ganzheitlichkeit und Sinnvollhaftigkeit der Produktion;
  • Arbeit wird als sinnvoll erlebt;
  • handwerkliche Arbeitstugenden, wie Fleiß, Sparsamkeit und Ehrlichkeit.[10]

Am konkreten Beispiel traditioneller Handwerker wir die Naturnähe wie folgte beschreiben: „Da die Rohstoffe einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität des Produktes hatten, verließen sich die Handwerker bei der Beschaffung der Rohstoffe überwiegend auf ihre eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse. Nur bei regional nicht oder nur sehr schlecht verfügbaren Rohstoffen (z.B. Leder, Eisen) griffen die Landhandwerker auf überregionale Ressourcen zurück (vgl. Stöckle 1993, S. 376ff.). Dies bestätigt auch die Untersuchung zur Subsistenzproduktion auf dem Lande von MÜLLER (vgl. Müller 1997a, S. 62). Die Stoffkreisläufe mussten auch aus diesem Grund schon überschaubar sein, denn man musste mit der Natur arbeiten und konnte nicht unter Zuhilfenahme von moderner Technik dem Naturrohstoff in jeder beliebigen Weise den eigenen Willen aufzwingen: „Der Schuhmacher wusste um die Herkunft seines Materials. Bei der Beurteilung der Lederqualität verfolgte er es zurück bis in den Stall: Wie wurden die Kühe gehalten? Gesäuberte Tiere brachten eine bessere Lederqualität als verschmutzte, die Pflege wirkte sich auf die Haut aus. Und eine Kuh die häufig gekalbt hatte, lieferte später dem Schuhmacher ein widerstandfähiges Leder.“(Stöckle 1993, S. 396) „Selbst für den Korbmacher war es wichtig, wo und wie seine jungen Eichen wuchsen. Nur ein besonderes Zusammenspiel von Wärme und Feuchtigkeit, Sonne und Bodenbeschaffenheit führte zu einem Rohstoff, der genügend „Zähigkeit“ hatte, um zu einem nützlichen Gebrauchsgegenstandverarbeitet zu werden.“ (ebenda, S. 378) Dieses Wissen um die natürlichen Rohstoffe, ihre Standortbedingungen und Eigenschaften war für die Qualität der Produkte von entscheidender Bedeutung und gründete auch in der besonderen Überschaubarkeit der lokalen Ökonomie.“[11]

Rumpf untersucht auch, „wie groß die Bereitschaft für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung bei Entscheidungsträgern in Unternehmen des produzierenden und verarbeitenden Gewerbes der Region Trier ist und welche Faktoren diese Bereitschaft steuern, was also bereitschaftsförderliche aber auch bereitschaftshemmende Faktoren einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung sind.“ Und: „Dabei sollte die Untersuchung so angelegt sein, dass die Akzeptanz für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung bei Handwerks- und Industriebetrieben miteinander verglichen werden kann.“

Sein Fazit: Handwerksunternehmen bieten günstige strukturelle Voraussetzungen für die Umsetzung einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung. Ganzheitliche, humane Arbeitsprozesse, Kundennähe, kleinräumige Bezugs- und Absatztätigkeiten, hohe Beschäftigungswirksamkeit, gut ausgebildete Mitarbeiter, langlebige und wartungsfreundliche Produkte sind Kennzeichen einer handwerklichen Arbeit, die zu einem entscheidenden Kristallisationspunkt und Entwicklungsmotor für die gesellschaftliche Durchsetzung einer nachhaltigen Entwicklung werden könnte. Die quantitativen empirischen Untersuchungen haben daneben gezeigt, dass die Entscheidungsträger im Handwerk eine gegenüber den Entscheidungsträgern in der Industrie signifikant höhere Bereitschaft für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung auszeichnet und das der Typus „homo oeconomicus“ weniger verbreitet ist.

Alles in allem kann man sagen, dass dieser Befund die Polanyi-These positiv bestätigt. Vor allem in den Milieus, in denen die Ökonomie und die Warenlogik die sozialen und kulturellen Bedürfnisse nicht dominiert, finden wir den Typus von Unternehmer und Unternehmerin, der nachhaltigkeitsaffin ist. Und diese sind im Handwerk signifikant öfter anzutreffen als in der Industrie.

Dies geht Hand in Hand mit der Beobachtung, dass Handwerksunternehmer und -unternehmerinnen in Zeiten der Krise ihre Beschäftigten so lange wie möglich halten und dass Sie sich in Bezug auf das Ziel „Wachstum“ signifikant anders verhalten, als es die Theorie unterstellt. Wachstum steht nur für einen ganz kleinen Teil von KMU und Handwerk an erster Stelle.[12]

Rumpf bestätigt mit dieser Untersuchung die Befunde von Christa Müller, die in ihrer Studie „Von der lokalen Ökonomie zum globalisierten Dorf. Bäuerliche Überlebensstrategien zwischen Weltmarktintegration und Regionalisierung“[13] detailliert beschreibt, wie seit den 60er Jahren das Eindringen des Weltmarktes die lokalen Wirtschaftskreisläufe zerstört. Sie zeigt auf, wie sich das von positiven Rückkopplungen getragene Tausch- und Beziehungsgeflecht des Dorfes ganz langsam auch deshalb auflöst, weil Menschen einander nicht mehr zu brauchen glauben und sich über die Tauschebene auch nicht mehr gegenseitig unterstützen. Ganz praktisch: Die Entscheidung nicht mehr beim Elektriker von nebenan den Toaster zu kaufen, sondern bei Media Markt, das Brot nicht mehr beim Bäcker zu kaufen sondern im Supermarkt, die Schuhe oder den Fernseher nicht mehr reparieren zu lassen, führt zwangsläufig dazu, dass es weniger Ausbildungsplätze vor Ort gibt und ein Leben ohne Auto kaum noch unmöglich ist. Es löst ökonomisch und sozial eine Spirale abwärts aus, die irgendwann nicht mehr zu stoppen ist.

Ein gutes Beispiel für Wachstum innerhalb von Grenzen ist die Edo-Periode in Japan[14]. Das Land hatte sich ein Jahrhundert isoliert. Das extrem rohstoffarme Land, in dem Holz und Metalle sehr kostbar waren, hat in dieser Periode dennoch eine Blütezeit erlebt und man geht in der Literatur von 3% Wachstum aus (Berechnet aus der Preis- und Gehaltsentwicklung). In dieser Phase gab es einen stabilen Aufschwung, den man mit der Kategorie „flexible Spezialisierung“ beschreiben könnte. Es entstand eine sehr dynamische Binnenmarktentwicklung, getragen von Landwirtschaft und dem Handwerk. Ermöglicht wurde dies durch das Prinzip Vielfalt. Jede Region, bzw. Insel in Japan entwickelte eigene Produkte (Reissorten, Pflanzen, Textilien, Spezialitäten) und diese wurden von einer wachsenden Zahl von Handwerker und Handwerkerinnen/Künstler und Künstlerinnen und Produzentinnen in eine nicht minder erstaunliche Zahl von unterschiedlichen Produkten verwandelt. Die Qualität, Kunstfertigkeit und Vielfalt der Produkte auf den Märkten gegen Ende der Edo-Periode ist legendär. Ein weiter wichtiger Aspekt dieser Ökonomie ist die lange Nutzungsdauer der Produkte und eine Produktsprache (Design) die zeitlos war. Der Prozess der Produktion und Entnahme aus der Natur wurde ergänzt durch einen nicht weniger wichtigen Prozess der Instandhaltung, Reduktion, Aufarbeitung und Rückführung der knappen Ressourcen und Nährstoffe und durch die Organisation von Nutzungskaskaden.

Die vielen kleinen Wirtschaftskreisläufe ermöglichten wegen der Vielzahl an lokalen und regionalen Akteuren einen regen Austausch an dem alle Teilhatten. Dieses Wachstum beruhte auf einer wachsenden Artenvielfalt und der Weiterentwicklung der Handwerkskünste in Verbindung mit Recyclingstrategien (Nährstoffkreisläufen), wie wir sie aus der Natur kennen. Die Edo-Periode ermöglichte allen eine Teilhabe und Bildung und bei Licht betrachtet war sie – soweit es die Verteilung von Einkommen, Vermögen, Status und Chancen geht – sicher nicht feudalistischer als die Gegenwart.

Dass dörfliche Ökonomie auch heute noch ganz anders gelebt werden können, als wir es kennen, dafür sind die zapatistischen mexikanischen Dörfer bekannt, in denen sich Reste matriarchaler Lebens- und Wirtschaftsweisen erhalten haben und in denen die Frauen vor allem den Handel in der Hand haben. In diesen Dörfern achten die Bewohner darauf, dass sie ihre Einkäufe und Beschaffungen bei den Handwerkern und Handwerkerinnen, Landwirten und Händlerinnen tätigen, die sie kennen. Die Beziehungsebene, Gemeinsinn und Solidarität spielt in den Austauschbeziehungen eine entscheidende Rolle. In vielen Bereichen treffen Frauen scheinbar ökonomisch irrationale Entscheidungen, die aber in der Folge den Wohlstand und die Teilhabe aller zum Ergebnis haben. So werden z.B. für die Herstellung eines Rockes hocharbeitsteilig viele Werkstätten beschäftigt, die alle auf spezielle Techniken/Künste spezialisiert sind. Dieser teure Rock, wird naturgemäß lange getragen, aber er hat auch vielen Menschen ermöglicht ihre Handwerkskunst auszuüben (und zu verfeinern). Das was auf den ersten Blick als Verschwendung und Luxus erscheint, dient der Gemeinschaft. Einmal im Jahr muss die jeweils erfolgreichste Unternehmerin ein Fest für die ganze Gemeinschaft ausrichten, für dessen Vorbereitung sie das halbe Dorf beschäftigt. Sie speist so einen Großteil ihrer Gewinn Wirtschaftskreislauf wieder ein und gibt dem lokalen/regionalen Wirtschaftskreislauf einen starken Impuls gibt. Die positive Dynamiken und Rückkopplungen, die sich aus diesem Verhalten der beteiligten Wirtschaftsakteure ergeben, liegen auf der Hand. Es ist idealtypisch betrachtet – wie das Beispiel Edo auch – ein Beispiel dafür wie eine Wirtschafts- und Entwicklungsdynamik, die auf Kooperation, Gemeinsinn, Teilen und auf Sozialkapital beruht das Glück der großen Zahl befördert.

Dieses Beispiel zeigt, dass Verhaltensweisen die dem Denken des Homo Oeconomicus scheinbar zuwiderlaufen, wirtschaftlich sehr erfolgreich sein können. Man könnte überspitzt sagen: Es ist das Denken in Knappheiten das die Knappheiten, die vermieden werden sollen, überhaupt erst erzeugt. Und es ist ein wunderbares Beispiel, welche Merkmale und Ressourcen eine gegenläufige Entwicklung ermöglichen: Sozialkapital (Vertrauen, Beziehungen), Naturkapital, kulturelle Vielfalt (materiell und immateriell), Kooperation und Innovation.

Auch wenn die Herausforderungen vor denen wir heute stehen weder mit Edo noch mit den zapatistischen Dörfern direkt vergleichbar sind, haben die wirklich sozialen und nachhaltigen Antworten auf die ökologischen Herausforderungen vor denen wir stehen, viel mit den oben beschriebenen Grundprinzipien zu tun. Und wir finden solche Strategien heute dort wieder, wo Menschen und Unternehmer und Unternehmerinnen neue Wege gehen.

Brennpunkte dieser Communities und Milieus sind urbane Zentren und ihre Kreative Klasse. Neu – und in gewisser Weise aus den USA – importiert, ist eine extrem technikaffine und innovative „Maker-Szene“ und die wachsende Bedeutung des Selbermachens, die in Deutschland schon lange von der AN-Stiftung (heute auch Ertomis-Stiftung) gefördert wird.

Die altbekannte Do-it-Yourself-Volksbewegung hat sich verjüngt und hat in intellektuellen Milieus Zuwachs erhalten. Das Internet als Raum für das Entstehen von Communities und die „Dezentralisierungspotenziale“ der Digitalisierung spielt hier eine ebenso wichtige Rolle wie das Teilen und Tauschen von Ideen, Know-how oder Konstruktionsdaten.

Jenseits des traditionellen Handwerks und typischer Handwerkskarrieren gibt es viele Unternehmer und Unternehmerinnen mit akademischem Hintergrund, ehemalige Design- oder Architekturstudenten und Menschen, die aus der hoch verdichteten und wenig attraktiven Arbeitswelt aussteigen, die die Industrie und die großen Dienstleistungskonzerne heute bieten.

Die sogenannte Generation Y hat in ihren Elternhäusern erlebt, was es bedeutet wenn beide Elternteile arbeiten müssen, keine Zeit für die Familie bleibt und sie kennt die gesundheitlichen Risiken und den Preis, der für Karrieren gezahlt werden müssen, aus eigener Anschauungen. Und sie hat die Erfahrung gemacht, dass sich all das ökonomisch für die meisten nicht mehr wirklich lohnt. Sie wollen nicht mehr leben um zu arbeiten, sondern arbeiten um zu leben. Und sie sind, soweit sie aus dem Mittelstand und bildungsnahen Milieus kommen kapitalismuskritisch und nachhaltigkeitsaffin. Sozial und politisch nicht weniger wichtig für diese Entwicklung sind die Babyboomer, von denen immer mehr mit ihren Enkelgeneration auf die Straße gehen (beobachtbar z.B. auf der letzten großen TTIP-Demonstration in Berlin oder in der Repaircafé-Bewegung). Dies alles ist sehr ermutigend. Aber es reicht nicht. Vor allem dann nicht, wenn es nicht gelingt, die vielen Menschen mitzunehmen, die im alten System gefangen sind.

Wenn wir das Bruttosozialglück in Europa steigern wollen und unsere Kultur in ein neues Gleichgewicht mit der Natur bringen wollen, brauchen wir Transformationsstrategien, die dem Homo Faber in uns gerecht werden. Menschen brauchen nicht nur ein Einkommen, sie brauchen auch einen (sozialen) Möglichkeitsraum, in dem sie wirklich werden können. Das Dilemma unserer spätindustriellen Gesellschaften besteht also darin, dass wir die erste Generation sind, für die Arbeit nicht in erster Linie eine materielle Notwendigkeit ist, sondern vor allem eine seelische. Dass der Überfluss unsere größte Bedrohung ist, weil er uns überflüssig macht bzw. uns auf unsere Rolle als Konsumenten reduziert. Es geht also darum, unsere Energien zu sublimieren und transformieren, ihnen eine neue Richtung und die Rahmenbedingungen so gestalten, dass er einen Ausstieg aus diesen Zwängen erlaubt.

Maslows Bedürfnispyramide war mehr als die einfache Feststellung, dass es eine hierarchische Struktur in der Welt der Bedürfnisse gibt. Seine entscheidende Botschaft war nicht, dass manche Bedürfnisse über den Anderen stehen. Maslows wichtigste Botschaft war, dass es eine Hierarchie ist, die nach oben OFFEN ist. Auch Maslow, der sein Leben damit verbrachte, nach dem glücklichen Menschen zu suchen, fand die Ursachen für dauerhaftes Glück in der Selbstverwirklichung, womit der Weg gemeint ist, in dem das Selbst WIRKLICH wird. Als lebenslanger Prozess.

Um eine neue Balance zwischen den Zielen der Nachhaltigkeit und den Bedürfnissen der Menschen zu finden, brauchen wir neue institutionelle Arrangements, rechtliche und ökonomische Rahmenbedingungen, die systemisch die Rechte der Natur und die Rechte der Menschen so mit einander verknüpfen, dass sich möglichst viele positive Rückkopplungsschleifen für beide Seiten ergeben. Vor allem die vergleichsweise dichte Infrastruktur an Handwerk und KMU in Mitteleuropa sind so gesehen eine Kapital und ein Potential für eine gute Zukunft, das nicht verspielt werden darf.

Literaturhinweise

Ax, Christine (Hrsg.) (1996): Werkstatt für Nachhaltigkeit – Handwerk als Schlüssel für eine zukunftsfähige Wirtschaft, in: Politische Ökologie, Jg. 15, Sonderheft 9

(1997): Das Handwerk der Zukunft. Leitbilder für nachhaltiges Wirtschaften. Basel/Boston/Berlin

(2001): Hamburger Möbelmacher: Von Tischlern, Künstlern und Unternehmern, in: Hochschule für Gestaltung Offenbach/Main (Hrsg. ), Art Customization, New Arts and Crafts mit computergesteuerten Werkzeugen, S. 38-49

(2001): Slow consumption for sustainable jobs, the example of hand-crafted shoes, in: Martin Charter/Ursula Tischner (Hrsg.), Sustainable Solutions. Developing Products and Services for the Future. Greenleaf Publishing

(2003): Die Region wird, wofür sie sich hält, in: Thomas Kluge/Engelbrecht Schramm (Hrsg.), Aktivierung durch Nähe. München: oekom, S. 30-41

(2003): Fertigung im Netzwerk. Handwerk als Hersteller kundenindividueller Produkte, in: ZDH, BMBF. München: oekom

(2005): Das Handwerk der Zukunft, in: Landschaft des Wissens (Hrsg), Strategien des Handwerks. Sieben Portraits außergewöhnlicher Projekte in Europa. Kooperationsmodelle für eine Ökonomie der Nähe. Bern/Stuttgart/Wien: Hauptverlag

(2006): Werte sichern Zukunft – Plädoyer für ein nachhaltiges Selbstverständnis von Handwerk, in: Zentralverband des Deutschen Handwerks (Hrsg.), Strategien für ein Zukunftsfähiges Handwerk, S. 10-20. Gütersloh: Bertelsmannstiftung

(2009): Die Könnensgesellschaft. Mit guter Arbeit aus der Krise. Berlin

(2009): Gute Arbeit, gutes Leben, gute Zukunft – Handwerk zwischen Utopie und Wirklichkeit, in: Werkspuren 2/2009, Zürich, S. 8-16

(2009): Handwerk zwischen Utopie und Wirklichkeit, in: Food for Thought, hrsg. von Forum Umweltbildung Wien

(2013): Wachstumswahn. Was uns in die Krise geführt hat und wie wir wieder herauskommen. München

Göllinger, Th. (2015): Integrative Sustainablity-Strategien – ein systemischer Blick auf Effizienz, Konsistenz und Suffizienz im Lichte der Biokratie, in: Betriebswirtschaftliche Schriften über Rechte der Natur/Biokratie, Band 12. Marburg: Metropolis

Isenmann, R. (2015): Biophile Ökonomie – Von der Natur als Sack von Ressourcen hin zum Vorbild, in: Betriebswirtschaftliche Schriften über die Rechte der Natur/Biokratie, Band 7. Marburg: Metropolis

Müller, C. (1998): Von der lokalen Ökonomie zum globalisierten Dorf. Bäuerliche Überlebensstrategien zwischen Weltmarktintegration und Regionalisierung. Frankfurt am Main

Rumpf, Stefan (2003): Zukunftsfähigkeit durch Handwerk? Strukturelle Voraussetzungen, Akzeptanz und Umsetzungsmöglichkeiten des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung im Handwerk. Dissertation zur Erlangung der Würde eines Dr. rer. pol. Trier: Universität

 

[1] Wenn von Ressourcen die Rede ist, geht es nicht nur um Natur sondern auch um die sozialen und politischen Rahmenbedingungen und ihre Reproduktion, die diese Art von Wirtschaft voraussetzt: Infrastruktur, Bildung, das Nachwachsen von leistungsfähigen (-willigen) jungen Menschen und letztlich auch der soziale Friede.

[2] http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2015/2015-06-18-Enzyklika-Laudato-si-DE.pdf

[3] „Das Jahr 2000 ist insofern ein moderates Ziel, das einem Vorsorgeprinzip folgt und wäre – wenn weitere Evidenz zu natürlichen Belastungsgrenzen vorliegt – ggf. weiter zu verschärfen. Eine solche Obergrenze der Materialnutzung sollte weiterhin fair verteilt werden. Wir schlagen daher vor, allen Menschen weltweit grundsätzlich das gleiche Nutzungsrecht zuzusprechen. Daraus lässt als Orientierungsziel eine Größenordnung von 10 t TMCabiot pro Person für das Jahr 2050 herleiten (bei erwarteten 9 Mrd. Menschen). Ausgehend vom Bezugsjahr 2008 würde dies für die EU-27 eine Minderung des Gesamtverbrauchs abiotischer Ressourcen von 31 t/Person TMCabiot um 68%, für Deutschland eine Reduktion von 43 t/Person TMCabiot um 77% bedeuten. Die Verfolgung dieses Ziels würde dazu beitragen, dem oben genannten Idealzustand einer weniger auf Primärextraktion als auf Recycling basierenden Wirtschaft näher zu kommen, ohne dass durch Materialsubstitution zwischen einzelnen Mineralien und Metallen Probleme nur verschoben würden. Bis 2050 wäre dazu im Durchschnitt eine Reduktion des Verbrauchs um ca. 2% pro Jahr erforderlich. Rechnerisch erreichbar wäre dieses Minderungsziel unter Berücksichtigung eines für die kommenden Jahrzehnte realistisch erwartbaren Wirtschaftswachstums über eine Verdoppelung der Ressourcenproduktivität (BIP/TMR), die als Handlungsziel bis 2030 (Basisjahr 2010) vorgeschlagen wird (Bringezu und Schütz 2014). In: Wuppertal-Institut (Hg) PolRess – Ressourcenpolitik; Endbericht, Innovationsorientierte Ressourcenpolitik in planetaren Grenzen.

[4] Eine Ausarbeitung hierüber ist zu finden bei Isenmann, R. (2015): Biophile Ökonomie – Von der Natur als Sack von Ressourcen hin zum Vorbild, in: Betriebswirtschaftliche Schriften über die Rechte der Natur/Biokratie, Band 7. Marburg: Metropolis.

[5] Ebenda, S. 32.

[6] Göllinger, Th. (2015): Integrative Sustainablity-Strategien – ein systemischer Blick auf Effizienz, Konsistenz und Suffizienz im Lichte der Biokratie, in: Betriebswirtschaftliche Schriften über Rechte der Natur/Biokratie, Band 12. Marburg: Metropolis.

[7] Auch wegen der Nutzung von Feldern und Wäldern für die Produktion von Energiepflanzen.

[8] Bioprodukte, Produzenten-Verbraucher-Genossenschaften und Solidarische Landwirtschaft, Grüne Kisten, Wochenmärkte, Food Councel, Regionalbewegungen, Netzwerke wie „Unser Land“, Biosphärenreservate, Urban Gardening, Akquaponic, Urban Farming.

[9] Rumpf, Stefan (2003): Zukunftsfähigkeit durch Handwerk? Strukturelle Voraussetzungen, Akzeptanz und Umsetzungsmöglichkeiten des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung im Handwerk. Dissertation zur Erlangung der Würde eines Dr. rer. pol. Trier: Universität, S. 106.

[10] Ebenda, S. 105.

[11] Ebenda, S. 97.

[12] IÖW Studie Wachstumspioniere.

[13] Müller, C. (1998): „Von der lokalen Ökonomie zum globalisierten Dorf. Bäuerliche Überlebensstrategien zwischen Weltmarktintegration und Regionalisierung“ FfM.

[14] http://www.museumofthecity.org/project/edo-period-japan-a-model-of-ecological-sustainability-2/

 

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