Was wir nicht haben, brauchen wir auch nicht – Junko Edahiro über Asiens Weg zur Nachhaltigkeit

Junko Edahiro ist Gründerin und Geschäftsführerin des in  japanischen Think Tanks “Japan for Sustainability”, Mitglied der Balaton Gruppe und Herausgeberin eines sehr lesenswerten englischsprachigen Newsletters, der wöchentlich über Japans Weg in Sachen Nachhaltigkeit informiert. Ihr eigenes Institut beschäftigt sich dem Zusammenhang zwischen Wirtschaft, Wachstum, Lebensqualität, Glück und Nachhaltigkeit.

Ich hatte die Ehre sie in Japan zu treffen und sie war mein Gast am SERI in Wien, und hat dort einen Vortrag gehalten, der als Video über dieses Link   zu Verfügung steht. Der Vortrag, den sie Mitte Februar auf der zweiten „Asia-Pacific Region System Dynamics Conference“ hielt, ist wie immer sehr inspirierend. Ihr wichtigsten Botschaften, fasse ich daher nachfolgend zusammen. Der Vortrag kann hier in voller Länge in Englisch nachgelesen werden.

Wir haben nur eine Erde und die ist ein geschlossenes System

Junko Edahiro stellt zu Beginn ihrer Rede fest, dass es nur eine Erde gibt, die außerdem nicht wächst und – abgesehen von Wärme – ein geschlossenes System ist. Wir können also der Erde nicht mehr Ressourcen entnehmen als da sind und alle Abfälle oder Abgase die wir freisetzen, bleiben im System Erde. Daraus ergeben sich zwangsläufig „Grenzen“, an die wir uns aber nicht halten. Wir entnehmen mehr Ressourcen als nachwachsen und wir erzeugen mehr  Abfälle oder Abgase, als die Erde abbauen kann. Vor allem aber geben wir sehr viel mehr CO2 an die Atmosphäre ab, als wir dürfen und werden so zu Verursachern gefährlicher Klimaveränderungen. Daran könne auch der technische Fortschritt nichts ändern. Um unseren Wohlstand in Zukunft klimaneutral zu erzeugen, sei es daher zwingend erforderlich, die Erzeugung unseres Wohlstandes klimaneutral zu gestalten.

Dann wirft sie auch die Frage auf, warum die Wirtschaft  immer weiter wachsen müsse und äußert ihre Überzeugung, dass der Übergang in eine Steady-State-Economy unabwendbar ist, um das Ziel einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise zu erreichen.

Der Kapitalismus ist wie ein Fahrrad das immer schneller fahren muss

Was eine Steady-State-Economy ist, erklärt sie anhand folgender Geschichte: Ein   Mitarbeiter des japanischen Umweltministeriums habe auf ihre Frage, warum die Wirtschaft immer weiter wachsen müsse geantwortet: Mit der Wirtschaft verhalte es sich, wie mit einem Fahrrad. So lange man in die Pedale trete, fahre es und sei stabil. Höre man auf zu treten, falle es um. Junko Edahiro habe darauf erwidert, dass eine Steady-State-Economy aber ein Fahrrad, das einfach nur der  gleichbleibenden Geschwindigkeit fahre die innerhalb der planetaren Grenzen dauerhaft möglich sei. Wohingegen die Wirtschaft ein Fahrrad sei, das immer schneller fahren müsse.

Von Edo lernen bedeutet „aus wenig viel machen“

Junko Edahiro geht dann auf die EDO-Periode Japans ein und zeigt auf, was Japan und wir alle von Edo lernen können. In der Edo-Periode hatte sich die rohstoffarme Insel Japan vollständig isoliert. Man musste also aus dem Wenigen das da war, so viel wie möglich machen. Junko Edahiro zitiert aus Briefen von  BesucherInnen, die Japan kurz nachdem es sich wieder Ausländern geöffnet hat, besucht haben. Sie beschreiben Japan als ein außergewöhnlich reiches, gleiches und glückliches Land. (In meinem Buch „Die Könnensgesllschaft“ und anderen Publikationen habe ich darüber geschrieben.) Und sie erklärt auch, warum dies so war. Ein Grund war der nachhaltige Umgang mit natürlichen Ressourcen. Man könnte von einer nahezu perfekten Kreislaufgesellschaft sprechen. Zweitens beruhte das Wohlstandsmodell auf der Förderung der Artenvielfalt in der Landwirtschaft und auf der Vielfalt der Künste.

Junko Edahiro beschreibt dann die Art und Weise, wie Kaufleute dachten und handelten. Die vier japanischen Silben „keisei saimin“ waren das Wort für Wirtschaft aber sie bedeuteten so viel wie „das Land regieren“ und „die Menschen retten“. Der Zweck der Wirtschaft war also nicht Wirtschaftswachstum. Das Ziel war, dass die Menschen „sicher“ waren, und dass für sie gesorgt war.

Eine Wirtschaft die Menschen Sicherheit gibt und für sie sorgt

Die Produktion von Gütern oder ihre Nutzung stand ganz und gar unter dem Vorzeichen der begrenzten Verfügbarkeit. Die Menschen wurden am meisten geschätzt, die in der Lage waren „aus wenig viel zu machen“. Die berühmten Omi-Kaufleute,  die doe japanische Wirtschaft beherrschten, handelten nach dem „sampou-yoshi“ Prinzip.  Ein Handel war nur dann gut, wenn der Verkäufer, der Käufer und die Gesellschaft von ihm profitierten bzw. ihr Glück steigerten.  Man könnte also sagen, dass diese Kaufläute damals schon nach CSR-Prinzipien handelten. Sie wollten nicht in erster Linie  ihren Profit steigern sondern stellten Produkte her bzw. handelten mit den Produkten, die Menschen glücklich machten. Und wenn die Gewinne hoch waren, gaben sie der Allgemeinheit etwas zurück: sie bauten Brücken oder Schulen, die kostenfrei besucht werden konnten.

Junko Edahiro verweist auch auf die große Zahl  japanischer Unternehmen, die älter als 100 Jahre sind, und dass es sogar Unternehmen gebe, die vor deutlich mehr als 1000 Jahren gegründet wurden und immer noch existieren. Unternehmen, die wirklich lange existieren wollten, müssten sich in diesem Sinne nachhaltig verhalten. Dann  zeigte sie anhand von zwei Regionen auf, dass es  JapanerInnen gibt, die auch heute schon (oder immer noch?) das Prinzip „aus wenig viel Machen“ leben.

Die Fischereigenossenschaften Yui, Kambara und Oigawa

In der Suruga Bay werden traditionell Rückstichgarnelen gefangen. Sie waren und sind das wichtigste ökonomische Standbein. Die drei Fischereigenossenschaften Yui, Kambara und Oigawa erwirtschaften heute jährlich rund 3.54 Millionen Dollar mit dem Fang dieser 4 bis 5 cm langen Meeresbewohner.

Die Garnelenfischerei war immer wieder in Gefahr. Sei es, dass die schmutzigen Abwässer der naheliegenden Papiermühlen die Bucht verschmutzen, sei es durch Überfischung in Folge Übernutzung. Rückenstichgarnelen leben nur ein Jahr und sind eine Art Plankton. Werden sie ein Jahr überfischt, sinkt der Ertrag für die Fischer im nächsten Jahr rasant. Sie erfahren die negativen Folgen eines nicht nachhaltigen Umgang mit der für sie so lebenswichtigen Ressource. Junko Edahiro erzählt, wie es den Fischereigenossenschaften der drei Orte mit den Jahren gelungen ist, ihre Konkurrenz um diese Ressourcen „einzuhegen“ und ein System aufzubauen, das ihnen eine  stabile Nutzung dieser Meeresfrüchte erlaubt. Eine Nutzungsform, die fair ist und von allen respektierte  wird. Ein wunderbares Beispiel dafür, dass es gelingen kann, den natürlichen Reichtum als Allmende dauerhaft und zum Nutzen aller zu bewirtschaften. Und sie beschreibt, dass diese Gemeinschaft daher auch stark genug waren und sind,  um die Zerstörung ihres Fangründe und des Ökosystems Meer zu verhindern.

Ama Town: ‚Naimono-wa-nai‘ (‚What we haven’t got we do without‘)

Das zweite Beispiel über das sie berichtet, ist der Weg den „Ama Town““ geht, eine kleine Stadt die zur Prefektur Shimane gehört und sich auf einer Insel befindet. Drei Stunden mit dem Boot vom der Hauptinsel Japans entfernt. Ama hat 2370 Einwohner und die Insel ist so klein, dass man sie in  90 Minuten mit Auto umfahren kann. Der städtische Haushalt hat einen Umfang von 39 bis 49 Millionen Dollar. Ama hat einen Kindergarten, zwei Grundschulen, eine Mittelschule und eine High-School. Ama ist eine der am stärksten von Entvölkerung betroffenen Städte Japans und altert extrem schnell.

2005 hatte der Bürgermeister von Ama eine drastischen Schritt unternommen und sein Gehalt um 50 % und das der anderen städtischen Mitarbeiter zwischen 16 % und 30 % gesenkt und zwei Maßnahmen in Angriff genommen: Ama hat seitdem viele neue Produkte  entwickelt die ein regionales Markenzeichen schmückt und Ama hat eines der anspruchsvollsten japanischen Bildungsangebote Japans  entwickelt und  kostenfrei angeboten. Das hat dazu geführt, dass die Stadt für viele Junge Menschen sehr attraktiv wurde. Als die Zahl der Studenten mit den Jahren absank hat die Stadt alle jungen Menschen in der Region ermutigt, die Hochschule zu besuchen und sie hat mit Stipendien und über Austauschprogramme auch ausländische Studenten nach Ama geholt (was in Japan sehr selten ist). Die Stadt war damit sehr erfolgreich und hat inzwischen exponentiell wachsende Studentenzahlen zu verzeichnen.

Nicht weniger wichtig, war die Entwicklung des Slogans:  „Naimono-wa-nai“, was so viel heißt wie “Was wir nicht haben, brauchen wir auch nicht”. (What we haven’t got we do without). Erfunden hat dieses Motto eine Gruppe junger Angestellter im Rathaus von Ama. Dieser Slogan meint zwei Dinge: Die Stadt braucht nicht was sie nicht hat, weil sie das was sie braucht – aber nicht hat – auch selber machen kann. Denn sie waren der Überzeugung, dass Ama als kleine Stadt zwar weniger Überfluss zu bieten habe, als große Städte, aber umso reicher an natürlichen Ressourcen ist und an lokalen Gütern. Sie wollten damit auch sagen, dass sie genug von dem haben, was sie tatsächlich zum Leben brauchen, und dass sie andererseits die Dinge die sie haben gut nutzen. Das Sprichwort  „What we haven’t got we do without“  wurde zu einem Symbol für Ama und zum Ausdruck der Einzigartigkeit dieser Insel und der Menschen die dort leben.

Junko Edahiro erzählt weiter, dass sie mit anderen gemeinsam, an einer Methode arbeite, die es erlaubt,  das was hinter diesem Gedanken steht,  zu messen. Denn er bringe den Suffizienzgedanken sehr gut auf den Begriff. Er mache deutlich, dass  wir genug von allem haben,  was wir wirklich brauchen, wie z.B. Wasser oder Nahrung. Und dass wir zweitens über die Fähigkeiten verfügen,  all das herzustellen, was wir darüber hinaus brauchen. Junko Edahiro: Ama lehre auch uns,  eine Insel-Gesellschaft zu werden, die vertrauensvoll sagt: „Was nicht haben, brauchen wir auch nicht“.

Asia’s Wisdom for the World: Well-being within limits

Junko Edahiro erläuterte, dass sowohl Edo als auch die beiden zeitgenössischen Beispiele das Prinzip “Stady State Economy”  umsetzen. Dass sie einen Typus von Wohlstand ermöglichten, der die Grenzen des Wachstums respektiert („well-being within limits“). Solche Beispiele gebe es nicht nur in Japan sondern auch in Asien und im fernen Osten.  Sie sprach kurz das inzwischen weltbekannte bekannten Modell des „Bruttonationalglücks“ an, das Buthans König Jigme Singye Wangchuck 1972 als Staatsziel im  Grundgesetz seines Landes verankert hat. Auch Thailand habe die Idee einer „suffizienten Ökonomie“ aufgegriffen und zu seinem Entwicklungsziel erklärt.  Der Suffizienz Gedanke, so Junko Edahiro, sei vielleicht Asiens spezifischster Beitrag zur weltweiten Nachhaltigkeitsdebatte. Und sie glaube, dass die Wurzeln dieser Denkweise im Buddhismus lägen. Buddha habe gelehrt: „Jedes Leben bedeutet Leiden“. Der Begriff „Leiden“ wie Buddha ihn benutzt habe, komme aus dem alten Sanskrit bedeute: „es ist nicht so, wie Du es Dir wünschst“ und drücke folgende Idee aus: „Wenn Du denkst, dass alles so sein müsse, wie Du es Dir wünschst, dann wird Deine Begierde immer größer und stärker, und die Dinge sind immer weniger so, wie Du es Dir wünschst.“ Am Ende würde der Mensch von seinen unerfüllten Wünsche (Begierden)  beherrscht. Buddhas zieht daraus die Lehre, dass wir daran arbeiten sollten, uns nicht von  unseren Bedürfnissen beherrschen zu lassen. Wer sich nicht von seinen unerfüllten Wünschen beherrschen lasse, könne sich von ihnen befreien und könne im Nirwana leben, dem Idealzustand (Ort) nach dem sich alle Buddhisten sehnten.

Junko Edahiro: Man könnte es vielleicht auch so formulieren: Glück ist was Du besitzt,  geteilt durch alles, was Du Dir noch wünschst. Um glücklicher zu werden geht man im Westen den Weg härter zu arbeiten, Einkommen zu steigern und Besitz  zu mehren. Der östliche Weg hingegen bedeute: Glück durch loslassen unserer Begierden.  Im Kern könne man dieses östliche Wertesystem mit den Silben „sho-yoku-chi-soku“ beschreiben, was übersetzt so viel bedeute, wie „klein/Bedürfnis/lernen/Genügsamkeit“ oder auch:  „Ich werde Zufriedenheit erfahren, wenn ich weniger brauche“ (Oder wie wir in Deutschland auch sagen: Reich ist, wer wenig braucht.“)

Junko Edahiro erzählte weiter von einen berühmten Tempel namens Ryoan-ji  in Kyoto, den viele Japaner besuchen. Eines der rituellen Waschbecken am Eingang des Tempels sei sehr Bedeutungsvoll. Vier Silben seien dort in den Stein eingraviert. Inmitten einer Silbe die „Mund“ bedeute sind dort folgende Silben zu lesen:  „Ich“, „nur“, „voll“ und „Wissen“. Übersetzt bedeuten sie: „Was man hat ist alles was man braucht“. Oder man könnte auch sagen: „lerne genügsam zu sein“, oder „Ich weiß, dass ich mir genüge“.

Junko Edahiro zusammenfassend: Nachhaltigkeit und der Klimaschutz sind die großen Herausforderungen unserer Generation. Die großen Fragen, auf die wir Antworten brauchen sind: Wie können wir sie bewältigen? Welche Lösungen haben wir zu anzubieten? Herman Daily´s Modell einer Stady-State-Economy lieferten uns wichtige Antworten.

Es heute aber auch  wichtig zu verstehen, dass wir sehr viele Rohstoffe in Produkte und Services umwandelten und konsumieren. Dass aber nicht Smartphones oder Autos der hinreichende Grund dafür sind,  sondern das Glück das sie uns schenken. Noch immer sei die ganze Aufmerksamkeit unsers ökonomischen Handelns auf einen sehr engen Effizienzbegriff gerichtet, nämlich darauf, wie wir aus Rohstoffen möglichst viele Produkte herstellen können.

Aber wir sollten mehr an das große Bild denken, an die unsichtbaren Zusammenhänge, an echte Nachhaltigkeit und daran, wie wir mit den Rohstoffen, die wir nutzen, dem eigentlichen Ziel näher kommen. Dem Ziel, dass alle Menschen glücklich sein dürfen.  Datenmodelle könnten helfen die Optionen sichtbar zu machen und  Zusammenhänge besser zu verstehen und sie könnten uns zu zeigen, wo und wie Ressourcen eingesetzt werden sollten. Genauso wichtig sei es aber einen Wertwandel herbeizuführen. Ich glaube wir Asiaten sollten den Gedanken der „Suffizienz“  (“taru wo shiru”) oder der Genügsamkeit (well-being within limits) bzw. des Respektes vor den Grenzen der Natur, in die Welt tragen, denn das ist es, was uns letztlich dauerhaft glücklich machen wird.

Junko Edahiro beim Ted in Tokyo: Sehr sehenwert: https://www.youtube.com/watch?v=y395J6W6i1E

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