Handwerk und bäuerliche Landwirtschaft: Hand in Hand für eine selbstbestimmte Wirtschaft

Von Christine Ax und Anke Kähler 

Wo Nahrungsmittelhandwerk und Landwirtschaft Hand in Hand arbeiten, wird vieles möglich. Unter Dachmarken wie Unser Land (Bayern), Rhön, Biohöfe Windrather Tal, Käsestraße Schleswig-Holstein oder in den Netzwerken der Solidarischen Landwirtschaft sind regionale Strukturen entstanden, in denen LandwirtInnen, HandwerkerInnen, Gastronomie und VerbraucherInnen nicht nur ihren eigenen Nutzen mehren, sondern auch den der Region. Sie beweisen: Mit Hilfe handwerklicher Könnerschaft wird aus den Erträgen einer naturgemäßen, bäuerlichen Landwirtschaft sehr viel mehr Wertschöpfung erzielt als in industriellen Prozessen. Ganz gleich ob Verbands-, EU-bio oder einfach nur „regional“: Wo die Beteiligten fair miteinander umgehen und kooperieren, können Regionen ihren natürlichen und ihren kulturellen Reichtum sehr viel besser erhalten und mehren als unter den Bedingungen einer von international agierenden Konzernen dominierten Agroindustrie.

Umso erstaunlicher ist es, dass es neben der weltweiten KleinbäuerInnen-Bewegung bisher keine HandwerkerInnen-Bewegung gibt, die das Augenmerk auf die sich stetig verschlechternden Rahmenbedingungen lenkt, unter denen sie produzieren. Denn strukturelle Benachteiligung macht vielen von ihnen das(Über)Leben schwer.

Postkapitalistische Produktion braucht Handwerk

Wo die bäuerliche Landwirtschaft und das regionale Handwerk in die Knie gehen, entstehen menschenleere Räume und eine Spirale nach unten: Sinkende Chancen, ihre Leistungen u verkaufen, gehen Hand in Hand mit Fachkräftemangel und Nachwuchssorgen. Diese Entwicklung betrifft auch viele andere Berufe: Von der Landmaschinentechnik über die Heizungs- und Klimatechnik, den Metallbau oder die vielen Bau- und Gesundheitsgewerbe. Handwerk ist ein Teil der Wirtschaft, mit dem sich die Wissenschaft und sozialökologische Bewegungen bisher wenig beschäftigt haben. Woran liegt es? Warum wurde und wird Handwerk so selten wertgeschätzt? Schon in der Antike sah die Aristokratie auf Personen, die mit den eigenen Händen arbeiteten, herab – es sei denn, es waren Kunstschaffende. Das ist bis heute im Grunde so geblieben. Der Glaube, dass geistige Tätigkeiten wertvoller seien als praktisches und handwerkliches Wissen und Können bestimmt bis heute die Haltung von Eliten. Entgegen Marx’ Ansicht, das Handwerk sei eine vorkapitalistische Produktionsweise, wird es mit Sicherheit als postkapitalistische Produktionsweise wieder aufblühen. Denn Handwerk ist eine anthropologische Konstante, ein tiefes menschliches Bedürfnis und als kulturelles Vermögen unverzichtbar. Dabei beruhtes auf einem materiellen Verständnis von Freiheit, wie es auch von Amartya Sen oder Hannah Arendt beschrieben wird: Auf Rahmenbedingungen, die sicherstellen, dass Menschen ihre Fähigkeiten leben und entwickeln können. Dem ordoliberalen Denken der Freiburger Schule folgend braucht der Markt, damit er funktionieren kann, zwingend soziale (und wir meinen auch ökologische) Regeln.

Handwerk unterliegt nicht den gleichen Wachstumszwängen wie Kapitalgesellschaften

Anders als Kapitalgesellschaften verfolgen HandwerkerInnen in erster Linie das Ziel, ihren Lebensunterhalt frei und selbstbestimmt zu erwirtschaften. Die hinreichende Grundlage hierfür liegt in ihrem persönlichen Vermögen (Wissen und Können), das sie überlange Jahre erworben haben. Durch Nähe und Verantwortung geprägt, ist Handwerk strukturell nachhaltig und der Region sowie deren Geschichte und Kultur verbunden. Damit liegen Handwerksbetriebe quer und entziehen sich einer auf Kapitalkonzentration und Monopolisierung abzielenden Dynamik, die einem in jeder Hinsicht – auch geistig, kulturell und technologisch – totalitären Anspruch verfolgt. Der Lebensmittelmarkt ist dafür das beste Beispiel: 85 Prozent des Lebensmittelhandels in Deutschland sind bereits in der Hand von 5 Konzernen, die für einen ruinösen Wettbewerb auf Kosten ihrer Zulieferer sorgen, der noch nicht am Ende ist. Eine Entwicklung, die REWE-Vorstandschef Alain Caparros jüngst im Handelsblatt wie folgt beschrieben hat: „[…] die Bereinigung wird kommen. Aber bis dahin müssen wir uns in eine gute Position bringen. Der letzte, der atmet, hat gewonnen.“

Überleben werden – wenn wir es nicht ändern – die Unternehmen, die dem Zwang zum beständigen Produktivitätszuwachs und Preisdruck deshalb standhalten, weil sie sich selber, ihre Mitarbeitenden, Tier und Natur noch intensiver ausbeuten.

Nachhaltige Strukturen vereitelt durch bürokratische Auflagen

Diese Konzentrationsprozesse gehen Hand in Hand mit einem weiterhinzunehmenden Standardisierungs- und Regulierungswahn, der häufig unter dem Vorwand des Verbraucher- oder Umweltschutzes daherkommt.

Brüssel, beherrscht von einer hochbezahlten ExpertInnen- und LobbyistInnenklasse, greift tief in den Arbeitsalltag der Bäuerinnen, Bauern und HandwerkerInnen ein. Diesen werden zeit- und kostenintensive Dokumentations- und Kontrollpflichten auferlegt, an deren Sinnhaftigkeit zu zweifeln ist. OfenbauerInnen werden beispielsweise daran gehindert, die Brennkammer, also das Herzstück der von ihnen gebauten Öfen, wie eh und je selber anzufertigen. Mit einer neuen Verordnung zum Emissionsschutz sollen sie zum Einbau von industriell gefertigten Brennkammern genötigt werden. BäckerInnen, FleischerInnen oder KonditorInnen werden durch ein absurdes Ausmaß an gesetzlichen Auflagen in untragbare Belastungen und Mutlosigkeit getrieben. Metallgestaltende, die nur Einzelstücke fertigen, müssen sich zertifizieren lassen und eine „werkseigene Produktionskontrolle“ einführen. Auch der Zwang, handwerkliche Leistungen einem europaweiten Wettbewerb auszusetzen, ist ein weiterer Sargnagel für das Handwerk. An die Stelle persönlicher Qualifikation und Eigenverantwortung treten zeit- und kostenintensive bürokratische Dokumentations- und Kontrollsysteme.

Aus umfassend qualifizierten, kompetenten ProduzentInnen, die von der Planung bis zur Ausführung ihr Handwerk gelernt haben und es persönlich verantworten wollen und können, werden Handlangende der Industrie, die nur noch vorgefertigte Module einbauen und austauschen dürfen. „Ganz nebenbei“ wird damit dem Handwerk, so auch den Regionen, Wertschöpfung genommen. Dies alles bringt HandwerkerInnen an den Rand ihrer persönlichen und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und demotiviert sie. Viele haben innerlich aufgegeben. Sie bilden nicht mehr aus, suchen keine NachfolgerInnen und schließen letztendlich ihre Türen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Einzelunternehmenden im Handwerk, die in einer neuen Form der Tagelöhnerei einer internetbasierten Plattformökonomie ihr Können anbieten. Was kann getan werden, um diese Entwicklung zu stoppen und in die richtige Richtung zu lenken? Forderungen an den Zentralverband des Deutschen Handwerks und die Fachverbände im Handwerk: Die Interessen des Handwerks in Deutschland, Europa und der Welt entschlossener zu vertreten. Die Interessen von Kleinbäuerinnen und -bauern sowie HandwerkerInnen – überall auf der Welt – zu respektieren bzw. diese dabei zu unterstützen, nachhaltige Wirtschaftsstrukturen aufzubauen. Als Voraussetzung dafür ist die Schaffung finanzieller Unabhängigkeit der Handwerksvertretungen von der Industrie erforderlich, ihre Instrumentalisierung als verlängerter Arm der Industrie und der Exportwirtschaft nicht länger hinnehmbar. Freihandelsabkommen, die die Lage der bäuerlichen Betriebe und des Handwerks bei uns und in anderen Regionen der Welt verschlechtern und vornehmlich die Interessen des internationalen Kapitals und der Konzerne bedienen, muss entschieden entgegengetreten werden.

Eigentum verpflichtet und Markt braucht Regeln, sonst schafft er sich selber ab!

Deshalb sind faire Wettbewerbsbedingungen und eine Rückkehr zu den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft zu fordern. Dazu gehören: Ein Wettbewerbsrecht zu schaffen, dass ErzeugerInnen und ProduzentInnen vor Übergriffen und Erpressungen durch übermächtige Konzerne effektiv schützt und Konzentrationsprozesse verhindert (Deckelung von Marktanteilen). Handwerks- und Kleinbetriebe müssen vor widersinnigen Standardisierungen und unfairem Lohndumping durch die erzwungene Öffnung lokaler Märkte für globalen Wettbewerb bei uns und weltweit geschützt werden. Zudem sollte eine sozialökologische Steuerreform erfolgen, die dazu führt, dass Preise die ökologische und soziale Wahrheit sagen, Arbeit entlastet und Energie, Rohstoffe und Kapital belastet werden. Handwerksbetriebe, bäuerlich-nachhaltige Landwirtschaft und lokaler/regionaler Handel müssen strukturell gefördert werden. Dies ist für einen umfassenden Wandel des Ernährungssystems– verbunden mit regionaler Nahrungsmittelsicherheit und verbesserter Widerstandsfähigkeit unserer Versorgungssysteme – von elementarer Bedeutung. Nicht zuletzt sind Mitnahmeffekte für die Industrie, bei für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) vorgesehene Forschungsetats, zu beenden. Transparente Zugänge zu Forschungsmitteln für KMU müssen geschaffen und durch die Entbürokratisierung der Antragsformalitäten die Entwicklung „Mittlerer Technologien“ ermöglicht werden.

Dieser Artikel ist in diesen Tagen im Forum Umwelt und Entwicklung erschienen und hier ist der Link zum download:

handwerk-und-baeuerliche-landwirtschaft_artikel-fue_iv-2016

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