Milchmarkt am Scheideweg: Mehr Markt und/oder weniger Markt?

Wir haben es satt: Dritter Akt

Am Ende sind sich alle fast einig: Auf dem Weltmarkt wäre mehr Markt – wenn es um die Milch oder die Wurst geht – besser als weniger Markt. Selbst Milchbäuerin Böse-Hartje kann es nicht richtig finden, dass Europa sie mit Steuermitteln dafür belohnt, dass sie mit importiertem Futter Milch zu Preisen herstellt, die ihre Kosten nicht deckt, nur damit das Milchpulver, das daraus hergestellt wird, anschließend die Existenz von MilchbäuerInnen in Afrika zerstören kann, die sowieso kaum genug zum Leben haben.

An dem Podiumsgespräch, das am Abend des ersten Konferenztages der Veranstaltung „Wir haben es satt“ in der Emmaus Kirche in Berlin Kreuzberg stattfindet nahmen teil: Prof. Harald Grethe,  Experte für den Internationalen Milchhandel,  Johanna Böse-Hartje, Milchbäuerin aus Schleswig-Holstein, Olaf Deutschbein vom BMZ, Klaus Seitz von Brot für die Welt und Mariam Diallo Präsidentin des Frauenvereins der Kleinmolkereien Burkina Faso.

Die Lage ist ziemlich verfahren. Und zwar nicht erst seit gestern.

Die Lage ist derzeit ziemlich verfahren und schwierig, erläutert Grethe den historischen Hintergrund. Erst hatte Europa die Exporte von Milch subventioniert. Dann gab es deswegen Ärger mit den Handelspartnern und deshalb wurde die Milchquote eingeführt. Dann wurde die Milchquote wieder abgeschafft und die Ansage an die Bauern war, dass zu Weltmarktpreisen produzieren sollen. Das fanden die Bauern gut, denn die Weltmarktpreise waren hoch. Vor allem China, so war auch von den Bauernverbänden und den Beratern zu hören, könne gar nicht genug bekommen, von Europas Milch. So nahm der Schweinezyklus auf dem Markt für Milchprodukte wieder einmal seinen natürlichen Lauf. Irland produziert 18% mehr als vor einigen Jahren. In Deutschland ist die Milchproduktion „nur“ um vier Prozent gestiegen.

Grethe: „Es ist nicht das erste Mal, dass die Preise niedrig sind. Das gab es immer wieder einmal. Aber jetzt sind tatsächlich besonders niedrig In guten Zeiten muss man halt Geld zurücklegen damit man in schlechten Jahren Rücklagen hat. So funktioniert Marktwirtschaft nun einmal.“

Milchbäuerin Böse Hartje hält 120 Kühe und weiß, wie es ihren Kollegen in Deutschland Norden geht, wo man bis zum Horizont nur fette grüne Weiden sieht.  Die Lager sei derzeit kritischer denn je: „Es ist derzeit kein Strukturwandel sondern ein Strukturbruch. Der trifft alle Betriebe. Auch die großen und die Familienbetriebe. Wenn man auf den Lohn verzichtet, geht es. Aber wer will schon auf Dauer so hart arbeiten, ohne dass er damit Geld verdient?“

Mariam Diallo: In Burkina Faso  geht es aber um die nackte Existenz

Mariam Diallo aus Burkina Faso spricht für 1800 Kleinbetriebe. Milcherzeugung und – verarbeitung ist wie in Burkina Faso meist Frauensache. Der Überfluss in Europa bedroht ihre Existenz, und die Zukunft ihrer Kinder. Milchprodukte, die aus den Billigimporten hergestellt werden, sind viel  billiger als das was ihre Mitgliedsbetriebe erzeugen. Erst vor wenigen Wochen hat sie der Regierung Forderungen übergeben, die sie und ihre Kolleginnen erarbeitet hat.

Ihr Verband verlangt die Anhebung der Schutzzölle auf Milchpulver von fünf Prozent auf fünfundreißig Prozent. Das Geld könnte helfen, die Milchwirtschaft in Burkina Faso zu entwickeln. Bisher werden gerade einmal 20% des Eigenbedarfes erzeugt. 80% der konsumierten Milchprodukte kommen aus dem Ausland.

Der Experte aus dem Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit setzt vor allem auf die vielen Freihandelsverträge mit Einzelstaaten, die derzeit verhandelt würden. Nachhaltige Entwicklung soll in den Verträgen als Ziel mit berücksichtigen werden. 40% aller Kakaoimporte nach Deutschland würden heute schon  „fair“ erzeugt. Er halte sogar  100% für machbar. In England kämen 100% aller Bananen aus fairem Handel, das sei der richtige Weg.

Wer Hunger pflanzt und Überschuss erntet

Klaus Seitz von „Brot für die Welt“ ist Kummer gewöhnt und weiß, dass es nicht schön ist, immer Recht zu behalten. Schon vor dreißig Jahren hat er an einem Buch mitgeschrieben, dass präzise vorausgesagt hat, was passiert, wenn Europa die Nahrungsmittelproduktion und ihren Export subventioniert. Das Buch hieß: „Wer Hunger pflanzt und Überschuss erntet: Beiträge zu einer entwicklungspolitischen Kritik der EG-Agrarpolitik“  Er und seine Kollegen haben damals prognostiziert, dass Europas Agrarsubventionen  noch mehr Hunger erzeugen werde und nur den  Konzernen dienen.

Europa wollte damals Milchseen und Butterberge abbauen. Doch das Gegenteil sei passiert. Europa sei heute sowohl weltgrößter Importeur als auch weltgrößter Exporteur von Nahrungsmitteln. Je mehr man subventionierte, desto mehr wurde erzeugt. Immer mehr Länder in aller Welt seien inzwischen auf Nahrungsmittelimporte angewiesen. Immer weniger Länder könnten sich selber ernähren oder exportieren. Und der Hunger sei stetig gewachsen.

Jetzt endlich seien manche Länder in Afrika und Asien endlich aufgewacht und verstünden wie wichtig Ernährungssouveränität ist. Wenn ausgerechnet in dieser Situation wieder einmal Exporte gefördert würden, sei das fatal.

Prof. Grethe: Schutzzölle sind gut für Afrika

Dem kann der Professor für Agrarhandel nur zustimmen: „Zölle sind für  Staaten und schwach entwickelten Verwaltungen eine Lösung. Das bringt Gelder in die Staatskassen, mit denen man den ländlichen Raum und den Agrarsektor fördern kann. Wir in Europa können mit unseren umfangreichen administrativen Möglichkeiten Finanzierungsströme erzeugen, die auf eine Qualitätslandwirtschaft abzielen. Mengenbegrenzungen funktionieren nicht. Man kann Weideprämien einführen, Verbrauchen und Landwirte regional vernetzen und tierfreundlich erzeugte Produkte belohnen.“

Exporte generell zu verdammen findet er nicht richtig. Europa sei klimatisch sehr bevorzugt und könne und solle auch in Zukunft Milch produzieren und exportieren. Rindfleisch hingegen sollte besser in anderen Regionen der Erde produziert werden. Entscheidend sei, dass die Politik aufhöre auf den Märkten zu interveniert. Alle Regionen sollten das herstellen, was sie am besten am billigsten herstellen könnten. Marktwirtschaft halt.

Das findet auch Klaus Seitz von Brot für die Welt: „Wir brauchen weniger Freihandel und mehr Fairhandel. Solange wir in Europa die Landwirtschaft subventionieren, gibt es keine Waffengleichheit. Ist der Handel nicht fair.“

Die Bauern profitieren von dem heutigen System nicht

Die Milchbäuerin aus dem grünen Norden ist im Prinzip einverstanden, denn Exporte, sagt sie, sind nicht wirklich hilfreich. Weder für Burkina-Faso noch für unsere Bauern: „Milch wird von uns durch den Zukauf von Futterimporten hergestellt und zu Preisen, die unsere Kosten nicht decken. Wir sollten also in Zukunft besser die Milch für Europa mit unserem eigenen Futter zu vernünftigen Preisen herstellen. Immer mehr Menschen sind ja dazu bereit sind, die Bauern zu unterstützen und faire Preise für die Milch zu zahlen. Wer profitiert denn eigentlich von den Exporten? Die Bauern nicht! Exporte machen doch nur Sinn, wenn der Preis so niedrig ist wie heute. Das hilft also weder uns noch den Ländern des Südens.“

Der Vorschlag jetzt sofort Mengenbeschränkungen zu verabschieden ist aber dennoch nicht ganz vom Tisch und wird von verschiedenen Zuhörern immer wieder ins Gespräch gebracht.  Milchbäuerin Böse-Hartje: „Jeder Markt braucht Regeln, wenn Angebot und Nachfrage nicht mehr zusammenpassen. Von den 12 % der Milch die exportiert werden, sind nur die 6% ein Problem, die als Milchpulver in alle Welt gehen. Die sind fatal und ein Verbrechen. Aber die anderen 6% der Milchproduktion exportieren wir als Käse und andere hochwertige Produkte. Damit machen wir keine anderen Märkte kaputt.“  Wenn man jetzt kurzfristig die Mengen drossele, könne man den Bestand vieler Betriebe sichern.

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