Die Digitalisierung frisst das Handwerk – 10 Thesen von Christine Ax

von Christine Ax

  1. Die alles entscheidende Frage ist nicht, welche Tätigkeiten im Handwerk digitalisierbar sind, sondern was von den alten Geschäftsmodellen, Alltagsroutinen, Konsumgewohnheiten, Produkten und Wertschöpfungsketten noch übrig sein wird, wenn die Digitalisierung ihren Siegeszug vollendet hat. Und: Wer oder was danach „Handwerk“?
  2. Die Geschäftsprozesse von Morgen sind überwiegend digital und internetbasiert. Die Start Ups und „Aczellatoren“ der Internetszene, erfinden die Wirtschaft von Morgen. Das Handwerk ist derzeit weder Avantgarde, noch Teil dieser Bewegung, sondern wird immer mehr zu ihrem „Opfer“
  3. Die Digitalisierung schwächt die drei wichtigsten USPs des Handwerks:
    1. Unikate und kleine Serien, können von immer mehr Anbietern an jedem Ort der Welt hergestellt werden.
    2. Kundenindividuelle Lösung findet der Konsument inzwischen am einfachsten und schnellsten im Internet. Das Handwerk führt sie in Zukunft im Auftrag der Plattformbetreiber nur noch aus.
    3. Die Anbieter, die Big Data und das Internet der Dinge für sich zu nutzen wissen, umwerben die Konsumenten an jedem Ort der Welt und zwar ganz persönlich. Räumliche Nähe ist kein Wettbewerbsvorteil mehr.
  4. Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg ist immer öfter die „Position in der Nahrungskette“. Übernehmen die Internet-Geschäftsmodelle  die Systemführerschaft und Kontrolle über die Wertschöpfungskette, dann haben sie die Möglichkeit einen immer höheren Anteil an der Wertschöpfung abzuschöpfen.
  5. Die Infrastrukturdefizite der Peripherie sind auch deshalb ein Risiko fürs Handwerk, weil viele leistungsstarke Unternehmen bisher dort die besten Überlebenschancen hatten. Jetzt werden die Karten neu gemischt. Die urbanen Zentren sind kulturell hegemonial und sie produzieren die Trends. Sie eigenen sich „dörfliche Strukturen“ an. Und selbst dort, wo der Zugang zum Internet sehr gut ist, wird es für die Peripherie schwerer technologisch und kulturell anschlussfähig zu bleiben.
  6. Die Digitalisierung ist theoretisch zwar in der Lage die Peripherie zu stärken – weil sie dezentrale Wertschöpfung erleichtert. Praktisch werden diese „Schätze“ aber nicht gehoben, denn die Innovationsgeschwindigkeit in den Städten ist hoch, der Brain-Drain in die Zentren trägt dazu bei, dass das Handwerk intellektuell ausblutet. Außerdem ist die Peripherie gegenwärtig noch zu saturiert, „denkt“ und handelt zu langsam.
  7. Das Handwerk innoviert nicht schnell genug, weil die breite Masse der Handwerksbetriebe kulturell und mental den Anschluss an die kreativen Klasse und an die Megatrends der Gesellschaft und die Digitalisierung verloren hat. Die Innovationsgeschwindigkeiten passen nicht mehr zusammen.
  8. Derzeit wird das Handwerk vor allem von außen neu erfunden. Der Trend zum Selbermachen und zum „flow“, die Open Source Bewegung, die Makerszene, New Craft Urban Farming, Kollaborative Geschäftsmodelle, produzierende Designer, Quereinsteiger die craft-beer brauen, die vielen kleinen Manufakturen in den urbanen Zentren sind die „Arts- and Crafts-Bewegung“ von heute. Sie sind die Trendsetter, die in vielen Bereichen zeigen, wohin sich die Gesellschaft bewegt
  9. Der Digitale Gap ist vor allem ein mentaler Gap. Das Bild vom Handwerk und seine Rolle in der Wirtschaft und Gesellschaft müssen radikaler gedacht und formuliert werden. Weniger Beliebigkeit – mehr Selbstbewußtsein und eigene Werte.  Erforderlich sind: Weniger Selbstzufriedenheit, schonungslose Selbstkritik (auch der Organisation),  Innovation und Kooperation. Bessere Ausbildung. Das Handwerk muss raus aus der Komfortzone, die sich niemand mehr leisten kann. Heilige Kühe kann es sich nicht mehr leisten. Es geht jetzt darum, die technische, die geistige und die unternehmerische Avantgarde des Handwerks zu fördern und zu stärken.
  10. Nachhaltigkeit wird wichtiger. Ethischer Konsum wird wichtiger. Analog ist das Bio von Morgen und das bleibt so – auch im Internet..
  11. Zukunft gestalten heißt, Risiken in Chancen zu verwandeln. Das Handwerk sollte sich öffnen: Der Wissenschaft, der Social Entrepreneurbewegung, der jungen digitalen Gründerszene, den Nachhaltigkeitsbewegung, den Menschen in seiner Umgebung. Möglicherweise muss man das Handwerk aus dem zu eng gewordenen Korsett der Handwerksordnung befreien, um es zu retten.

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